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LIMINA - Grazer theologische Perspektiven
Limina - Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
Seite - 223 -
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224 | www.limina-graz.eu Massimo Recalcati | Die Zerstörung des sozialen Bandes und die Hyperaktivität im Diskurs des Kapitalisten mehr ist es eine Unzufriedenheit, die dazu tendiert, die Liebe zu zerstören, welche als einzige Möglichkeit der Übereinstimmung von Begehren und Genießen zu fungieren vermag. Der Diskurs des Kapitalisten nährt tatsächlich die Illusion, das Problem des „Fehlens von Dasein“ lösen zu können, indem er den symbolischen Be- zug zum Anderen umgeht, auf die Liebe verzichtet und den Liebesdiskurs radikal seines Sinnes entleert. Wenn der Diskurs des Kapitalisten ein Dis- kurs an der Grenze des Diskurses ist, ist er es auch, weil er ein dem Lie- besdiskurs gegensätzlicher Diskurs ist. Ist er es auch, weil er der der Liebe selbst entgegengesetzte Diskurs ist? Die Neuro-Medizin bleibt eine mit den Engpässen des Liebesdiskurses stark verbundene Medizin (der Neurotiker leidet hauptsächlich aus Gründen der Liebe oder im Fall einer Zwangsstö- rung, weil ihm der Zugang zu Liebe verunmöglicht ist). Die zeitgenössi- sche Klinik ist keine Klinik des Mangels, sondern der Leere. In dieser neuen Medizin finden wir keine Symptome des Liebeslebens mehr (Hemmungen, Spaltung zwischen Liebe und Begehren, Hindernisse der sexuellen Lust, Schwierigkeiten im Zugang zum Begehren, Unzufriedenheit mit dem Be- gehren), sondern vielmehr das Fehlen eines Verlangens nach Liebe, eine Gleichgültigkeit dem Liebesdiskurs selbst gegenüber. Es handelt sich um eine Neukonfiguration des sozialen Bandes, das von der Tatsache hervor- gerufen wird, dass die neuen Symptome dazu tendieren, den menschlichen und sexuellen Partner durch unmenschliche Partner zu ersetzen (Drogen, Nahrung, Computer, Psychopharmaka, narzisstische Eigenbilder ...). Ziel ist es, den Partner in ein Heilmittel zu verwandeln, welches einem er- möglicht, aus den unvermeidlichen Turbulenzen herauszukommen, die der Liebesdiskurs notwendigerweise mit sich bringt. Während die hysterische Nicht-Befriedigung bezüglich der Schwierigkeit, in eine Liebesbindung einzutreten, noch fähig bleibt, der Enttäuschung des Ideals zu entgehen, dient die Nicht-Befriedigung, die vom Diskurs des Kapitalisten ausgelöst wird, dem Subjekt ausschließlich als Maschine des Genießens, welche von der Liebe absieht. Während die Hysterikerin die Nicht-Befriedigung dazu nutzt, um das eigene Begehren zu bewahren, erzeugt der Diskurs des Kapi- talisten programmatisch eine Nicht-Befriedigung, um jene Nachfrage nach Genießen zu beleben, auf der sein eigenes Funktionieren gründet. Während die Hysterikerin über die Nicht-Befriedigung versucht, ihren Mangel an Pseudo-Mängel generieren illusorisch neue Objekte, die sich – alternativ zur Liebe – als Lösungsvorschläge für den Schmerz des Existierens anbieten.
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Limina Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
Titel
Limina
Untertitel
Grazer theologische Perspektiven
Band
2:2
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 4.0
Abmessungen
21.4 x 30.1 cm
Seiten
267
Kategorien
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