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Massimo Recalcati | Die Zerstörung des sozialen Bandes und die Hyperaktivität im Diskurs des Kapitalisten
Die „List“ eines Diskurses, der „zum Platzen bestimmt ist“
In der Konferenz vom 12. Mai 1972 macht Lacan deutlich, dass unsere Zei-
ten dem Sich-Ereignen des Unbewussten feindlich gesinnt sind. Wenn der
Diskurs des Herrn den Diskurs des Unbewussten generiert, kann er dies
nur, insofern er das Begehren verdrängt. Demgegenüber führt der Dis-
kurs des Kapitalisten eine völlig andere Schlagrichtung, die sich gegen das
Verdrängen richtet: Er bringt das gebarrte Subjekt als Index für eine kon-
vulsive Nachfrage nach Konsum in die Befehlslage. Die herzklopfende und
ereignishafte Struktur des Unbewussten, von der Lacan zum Auftakt von
Seminar XI spricht, scheint hier zu fehlen. Das Register des automaton – der
Wiederholung desselben – übersteigt das Unbekannte, das Neue, die unbe-
grenzte Kontingenz des Lebens. Und dieses automaton ist es, das der Dis-
kurs des Kapitalisten weitläufig auszunutzen gedenkt: Das konstante In-
Bewegung-Sein des Triebes wird gefördert, ohne je irgendeine Befriedi-
gung zu ermöglichen. Im Diskurs des Kapitalisten geschieht die Verschlie-
ßung des Unbewussten, indem das Begehren vom Genießen abgekoppelt
und das Genießen selbst zu einem reinen tödlichen Genießen wird, welches
tief nihilistisch und tendenziell dissipativ ist.
Mit Lacan haben wir bereits das todbringende Mehr-Genießen von jenem
unterschieden, das durch den Filter der Kastration entsteht. Während Letz-
teres Spuren des Gesetzes an sich trägt, die sich generativ an das Genießen
binden – das Mehr-Genießen entspringt dem Einschnitt der Kastration –,
produziert sich das andere entgegen dem Gesetz und lehnt das Reale des
Unmöglichen (wovon das Gesetz ein symbolisches Indiz ist) ab; es hebt
die symbolische Barriere auf, die das Genießen einschränkt und den Platz
der Wahrheit von jenem der Abweichung getrennt hält. Statt dem Subjekt
Frieden zu schenken, sollen Besitz und Konsum des Objektes in ihm immer
neue Unbefriedigtheit nähren. Die Produktion des Mangels wird auf die-
se Art ebenso wichtig wie die angebotene Illusion seiner Befriedigung. Die
Täuschung besteht im perversen Versprechen der Negation des Verlustes,
den die Sprache ins Herz des Menschen einschreibt, um das Unmögliche,
das in der Erfahrung des Begehrens liegt, zu beseitigen. Die verrückt listige
Dimension des Diskurses des Kapitalisten fordert die Unterdrückung jener
Schranke, die das Genießen limitiert. Daher rührt sein zutiefst perverses
Die Produktion des Mangels wird ebenso wichtig
wie die angebotene Illusion seiner Befriedigung.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven