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Massimo Recalcati | Die Zerstörung des sozialen Bandes und die Hyperaktivität im Diskurs des Kapitalisten
perverse Vorstellung. Zuflucht vor Qual und Sehnsucht erhofft man sich
nicht über den klassisch religiösen Weg des Verlassens irdischer Güter oder
im „Fliehen in eine Hinterwelt“, wie Nietzsche sagen würde, sondern über
den hypermodernen Konsumweg, der keine Grenzen zu kennen scheint. Im
Gegensatz zum Objekt klein a, das den Diskurs des Analytikers bestimmt,
erscheint das Objekt hier als konsistent, real, nicht auf Worte reduzierbar,
zuverlässig, als nicht der kontingenten Zufälligkeit einer Begegnung mit
dem Anderen unterworfen, als stets präsenter Partner, asexuell, als ein Fe-
tisch, der von der instabilen Bühne des sexuellen Austauschs losgelöst ist.
Laut Lacan besteht die verrückte List des Diskurses des Kapitalisten da-
rin, den fetischistisch-perversen Charakter des Objektes – gleichsam als
Schmerzmittel gegen die Spaltung des Subjektes – mit einem nihilistischen
Charakterzug zu vermischen, welcher aber eine völlige Inkonsistenz und
eine absolute Verwendbarkeit offenbaren würde. Die scheinbare Konsis-
tenz des Marken-Objektes, des Fetisch-Objektes, des Gadget-Objektes, des
götzenartigen Charakters eines Konsum-Objektes zeige so ihre gänzlich
künstliche Beschaffenheit. Dieses zweite Gesicht des Objektes ist die leere
und fragliche Seite jenes Objektes, das den Kreislauf des Marktes befeuert.
Wir sind hier genau am Punkt des gespaltenen Charakters eines Objektes,
das vom Diskurs des Kapitalisten produziert wird: Einerseits ist das Objekt
ein Heilsversprechen, anderseits ist es völlig leer. Einerseits ist es Fetisch-
Objekt, Marken-Objekt, Götzenobjekt, anderseits ist es ein inkonsistentes
Objekt, ein leeres Objekt, ein verschwindendes Objekt, ein fragliches Objekt,
ein Objekt des unmittelbaren Konsums, das dazu bestimmt ist, vom Ange-
bot eines neuen Objektes ersetzt zu werden. Einerseits also Verheißung von
Ewigkeit, anderseits schnelle Auflösung jeglicher Illusion. Fetischismus
und Hedonismus – Götzendienst und Nihilismus – sind die zwei Seiten der
einen Medaille im Diskurs des Kapitalisten: Der leere Charakter des Objek-
tes (sein flüchtiges Schicksal, das ihm konstitutive Überholt-Sein) erfüllt
die Funktion, die produktive Maschine ständig in Bewegung zu halten, in
der Illusion, die Befreiung vom Mangel an Sein verwirklichen zu können.
Jedes Objekt muss sich, nachdem es sich als Erlöser präsentiert hat, als
unzureichend erweisen, tatsächlich die Erlösung zu verwirklichen, um so
sicherzustellen, dass sich das Karussell des Marktes ununterbrochen wei-
terdreht. Obschon es sich selbst als Lösung anbietet, antwortet das Objekt
Das Objekt ist einerseits Heilsversprechen,
andererseits ist es völlig leer.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven