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Karl Farmer | Warum handelspolitischer Protektionismus wieder politikmächtig
und wirtschaftliche Freiheit zum Phantom wurden
Again“ an die „goldenen“ 1950er-Jahre anknüpfte, als die USA nicht nur
militärisch, sondern auch ökonomisch „great“ waren.
„Das Wirtschaftswachstum war [damals] hoch und es herrschte Vollbe-
schäftigung. Einkommen wie Vermögen waren viel gleicher verteilt als
heute, die Arbeitsplätze sicherer und die Chancen für einen gesellschaft-
lichen und ökonomischen Aufstieg viel größer als heute.“ (Winkler 2017,
117)2
Mit seiner Wirtschafts- und Außenhandelspolitik möchte Trump den öko-
nomisch „abgehängten“ Amerikanern die guten Zeiten zurückbringen, die
in den 1950er-Jahren herrschten. Aber ist dies möglich, wenn die Präsiden-
ten vor Trump die oben diagnostizierten Fehlentwicklungen nicht zu ver-
hindern vermochten? Dazu beschreibt Winkler (2017) die US-Wirtschafts-
politik der 1950er-Jahre, das Scheitern dieser Politik Anfang der 1970er-
Jahre, den neuen Konsens einer „internationalen Angebotspolitik“ (Wink-
ler 2017, 120), Trumps Abkehr davon sowie die Rolle kultureller Faktoren in
Trumps politischem Kalkül.
Winkler führt die ökonomische Blüte der USA in den 1950er-Jahren auf den
„nationalen Keynesianismus“ mit hohen Spitzensteuersätzen, expansi-
ver Fiskal- und Geldpolitik und extrem eingeschränkter internationaler
Kapitalmobilität zurück. Im Fest-Wechselkurssystem von Bretton Woods
mit politisch anpassbaren Wechselkurs-Paritäten blieben die Leistungs-
bilanzungleichgewichte relativ klein im Unterschied zu den großen Leis-
tungsbilanzungleichgewichten seit der Liberalisierung des internationalen
Kapitalverkehrs in den 1980er-Jahren. Das Fest-Wechselkurssystem war
Anfang der 1970er-Jahre kollabiert, weil die amerikanische Regierung die
keynesianische Budgetpolitik als Deckmantel für die Finanzierung teurer
Sozial programme und des Vietnamkriegs missbrauchte, was zur Inflati-
on und 1971 zur Aufhebung der Bindung des US-Dollars an das Gold durch
Präsident Nixon führte.
Das Scheitern des nationalen Keynesianismus an Inflation und außenwirt-
schaftlichen Turbulenzen bereitete den Weg für die erwähnte internationale
Angebotspolitik, die nicht um eine ausreichende gesamtwirtschaftliche Nach-
frage wie im Keynesianismus, sondern um das gesamtwirtschaftliche Angebot
zunehmend offener Volkswirtschaften besorgt ist. Ziel der internationalen
Angebotspolitik ist international wettbewerbsfähig zu sein oder es wieder
zu werden. Das ist aus mehreren Gründen verständlich: Erstens werden die
Wechselkurse der Währungen der in den 1970er-Jahren führenden Länder
2 Winkler (2017) zeichnet die ma-
kroökonomische Situation etwas
zu rosig. In den 1950er-Jahren er-
lebte die USA vier Rezessionen mit
Arbeitslosenquoten bis 8 Prozent,
und das durchschnittliche BIP-
Wachstum der USA während der
Eisenhower-Präsidentschaft war
nur 2,5 Prozent jährlich. (Mitchell
2018) Richtig ist, dass der Anteil
der US-Industrie am US-BIP in den
1950er-Jahren fast doppelt so hoch
war, wie er heute ist.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven