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Karl Farmer | Warum handelspolitischer Protektionismus wieder politikmächtig
und wirtschaftliche Freiheit zum Phantom wurden
leichter das Versprechen einlösen, traditionelle (konservative) Werte in Tei-
len der Bevölkerung zu schützen. Zusätzlich verspricht eine gesellschafts-
konservative Politik unmittelbare wirtschaftliche Vorteile für die weißen US-
Männer: Konzentrieren sich Frauen wieder auf ihre Rolle als Mütter und
Hausfrauen, wird Abtreibung wieder strafrechtlich verfolgt, werden Ehen
nur als heterogene Geschlechtsgemeinschaften akzeptiert und rechtlich
(finanziell) bevorzugt, wird Zuwanderung aus Gründen der nationalen Si-
cherheit streng kontrolliert, verändern sich die Knappheitsverhältnisse auf
den Arbeitsmärkten zugunsten der zum Handkuss gekommenen weißen US-
Männer. Sie werden als „breadwinner“ wieder gebraucht, weil weniger von
den „anderen“ verdrängt. Sie können wieder stolz auf ihr Land sein, genau
das, was Trump mit seinem Wahlslogan „Make America great again“ ver-
sprach und nun dabei ist umzusetzen. Für Winkler (2017) ist es diese Kom-
bination von soziokulturellen und ökonomischen Faktoren, welche den Sieg
Trumps und die Niederlage der gesellschaftsliberalen Elite erklärt. Für die-
se war der Rückgang der amerikanischen Industrie durch den Einsatz ar-
beitssparender Technologien und die Verlagerung der Produktion ins billi-
gere Ausland sowie die wenig kontrollierte Zuwanderung aus dem Ausland
„alternativlos“, weil Ergebnis der weltwirtschaftlichen Entwicklung.3 Den
von dieser Entwicklung „Abgehängten“ versprach Trump eine Alternative:
den nationalen Kontrollverlust wegen der internationalen Angebotspolitik
durch Abschottung gegenüber dem Ausland wieder wettzumachen.
Schließlich erwähnt Winkler die globale Finanzkrise 2007/2008 und die
anschließende große Rezession 2009 als Verstärker für die Akzeptanz
wirtschaftsnationalistischer Politik. Der Beinahe-Kollaps des globalen
Finanzsystems und die anschließenden Realeinkommens- und Wachs-
tumsverluste gerade in den hoch entwickelten Ländern haben erstens das
Vertrauen in das marktwirtschaftliche System auch bei jenen Einkommens-
schichten erschüttert, die bisher immer davon profitiert hatten. Zweitens
hat die Politik im Angesicht des drohenden Untergangs des Finanzsystems
zu „Rettungsmaßnahmen“ gegriffen, die den Grundsätzen neo
liberaler
Wirtschaftspolitik fundamental widersprachen. Die milliardenschwere staat-
liche Bankenrettung und die billionenschwere unkonventionelle Geldpo-
litik haben zwar den Kollaps verhindert, aber die politische Elite und die
mediale Öffentlichkeit können nicht mehr uneingeschränkt die weltweite
Trump versprach den von der weltwirtschaftlichen Entwicklung
„Abgehängten“ eine Alternative.
3 Es ist darauf hinzuweisen, dass
für die Inaktivität der US-Präsi-
denten vor Trump gegenüber den
negativen nationalen Beschäfti-
gungsfolgen der Globalisierung auch
die gesellschaftliche Akzeptanz der
Weltmarktöffnung in den USA ver-
antwortlich war.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven