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Karl Farmer | Warum handelspolitischer Protektionismus wieder politikmächtig
und wirtschaftliche Freiheit zum Phantom wurden
zierte Mehrheit identifiziert sich mit der (unteren) Mittelklasse. Zusätzlich,
aber nicht ausschließend können sich die Mitglieder sowohl der Elite wie
auch der Mittelklasse mit der breiteren sozialen Kategorie der „Nation“
(z. B. „Amerikaner“) identifizieren. Wie Shayo (2009) nehmen Grossman
und Helpman (2018) an, dass der nicht-materielle Nutzengewinn aus der
individuellen Identifizierung mit einer sozialen Gruppe bestimmter Kate-
gorie mit dem vermuteten Status dieser Gruppe steigt. Den Gruppenstatus
messen die Autoren anhand des Lebensstandards (Lohneinkommens) des
durchschnittlichen Gruppenmitglieds. Die psychologischen Kosten der Iden-
tifizierung nehmen dagegen mit dem Abstand der eigenen ökonomischen
und kulturellen Charakteristiken des Individuums vom prototypischen
Bezugsgruppenmitglied zu. Hierbei kommt die kognitive Dissonanz zum
Tragen, die auftritt, wenn man sich mit jemandem identifizieren soll, der
anders als man selbst ist.
Was das politische System betrifft, unterstellen Grossman und Helpman
(2018) zwei Parteien (wie typisch für die USA) mit fixen ideologischen Kon-
zepten. Die Individuen in ihrer Funktion als Wähler und Wählerin unter-
scheiden sich in ihrer Präferenz für eine der beiden Parteien. Im Wahlwett-
bewerb nutzen die Parteien die Außenhandelspolitik, nämlich die Höhe eines
Wertzolls auf das eingeführte Produkt, um damit um Wählerstimmen zu
konkurrieren. Ein Individuum wählt eine Partei, wenn die Präferenz für die
vorgeschlagene Handelspolitik dieser Partei die Präferenz für die ideolo-
gische Konzeption der rivalisierenden Partei überwiegt. Im sozialen Iden-
titätsgleichgewicht konvergieren beide Parteien in Bezug auf die Höhe des
Einfuhrzolls.
Für die Zwecke dieser Arbeit ist zentral, ob sich durch die Einbeziehung so-
zialer Identitäten und der Selbst-Kategorisierung der Individuen die Außen-
handelspolitik ändert. Dazu ist zunächst festzustellen, dass in der oben be-
schriebenen Marktwirtschaft eines kleinen Landes ohne soziale Identifizie-
rung der wohlfahrtsmaximierende Zoll immer gleich Null ist, d. h. komplett
freier Außenhandel ist wohlfahrtsmaximal. Wirtschaftsfreiheit im Inland und
zwischen In- und Ausland ist für das Gemeinwohl dieses Landes am bes-
ten. Das ändert sich, wenn die Individuen die Nutzen und Kosten sozialer
Identifizierung in ihrem Nutzenkalkül mit berücksichtigen. Um das Warum
und Wie verständlich zu machen, führen Grossman und Helpman (2018, 3)
ein Identifikationsregime ein, das eine Liste aller sozialen Bezugsgruppen, mit
denen sich die Bewohner des kleinen Landes identifizieren, darstellt. In dem
einfachen Modell mit zwei Typen von Individuen gibt es nur vier Identifi-
kationsregimes: Höher qualifizierte Individuen können sich mit der Elite
einen Importzoll die Preise der
Importgüter sinken und das Inland
dadurch einen Wohlfahrtsgewinn
verzeichnet. Das hat zur Folge, dass
zollfreier Freihandel für das Inland
nicht mehr wohlfahrtsmaximierend
ist und die Effekte der Identitätspo-
litik nicht mehr so klar hervortreten.
Um diese Effekte möglichst klar
darstellen zu können, folgt der Autor
Grossman und Helpman (2018), die
mit Blick auf die USA mit dem Mo-
dell einer kleinen offenen Volkswirt-
schaft argumentieren. Das schränkt
die Anwendbarkeit dieses Modell zur
Erklärung des neuen US-Protek-
tionismus jedoch nicht wesentlich
ein, weil der Terms of Trade-Effekt
nur die ökonomische, nicht aber die
psychosoziale Erklärung der Wäh-
lerpräferenz für Protektionismus
ändert.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven