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Karl Farmer | Warum handelspolitischer Protektionismus wieder politikmächtig
und wirtschaftliche Freiheit zum Phantom wurden
Ihresgleichen identifizieren. Weil mit höherem Zoll die Lohnungleichheit
sinkt, ist im Nutzenmaximum der Zollsatz größer als Null und sogar größer
als beim Inlandspreis p(1,1), wenn der Bevölkerungsanteil der höher Qua-
lifizierten nicht zu groß ist. Ähnlich geht die Argumentation beim Iden-
tifikationsregime (0,1). Bürger und Bürgerinnen votieren also für außen-
wirtschaftliche Protektion, wenn die Identifikation (über die Nation) mit der
anderen sozioökonomischen Gruppe psychische (Dissonanz-)Kosten verur-
sacht.
Nun komme es zu einem Wandel in der Selbstidentifikation der geringer
Qualifizierten, und zwar so, dass die geringer Qualifizierten, die sich vorher
mit der gesamten Nation identifiziert hatten, sich nur mehr mit dem Proto-
typen der Arbeiterklasse identifizieren. Das Identifikationsregime wechselt
von (1,1) zu (1,0). Die höher Qualifizierten werden als „korrupte Elite“ pun-
ziert, mit der sich die untere Mittelklasse nicht mehr identifizieren kann. Die
Einführung arbeitssparender Technologien (IT und Roboter) oder ein ge-
ringerer Weltmarktpreis wegen billiger Auslandskonkurrenz (einzeln oder
zusammen) lösen diesen Wechsel im Identifikationsregime aus, der einen
diskreten Sprung im optimalen Zollsatz induziert.
Vor dem Regimewechsel erreicht die aggregierte Nutzenkurve ein globales
Maximum beim Inlandspreis p(1,1). Wenn z. B. neue Technologien die Ar-
beitsproduktivität erhöhen, verschiebt sich die (1,1)-Kurve nach unten und
leicht nach rechts, wie die strichlierte Kurve (1,1)‘ unterhalb der (1,1)-Kur-
ve in Abb. 1 zeigt. Dabei liegt der Hochpunkt der (1,1)-Kurve nur knapp über
dem Hochpunkt der (1,0)-Kurve. Nach der Verschiebung der (1,1) Kurve
nach unten wird der Hochpunkt der (1,0)-Kurve zum globalen Maximum.
Anstelle einer kleinen Anhebung des Zollsatzes, wenn das globale Maxi-
mum auf der (1,1)‘-Kurve zu liegen käme, wird nun der Zollsatz von der
Politik sprunghaft von t(1,1) = [p(1,1)–q]/q auf t(1,0) = [p(1,0)–q]/q er-
höht, um dem Wechsel in der sozialen Identifizierung der geringer Quali-
fizierten Rechnung zu tragen, und das, wenn der Anteil der höher Qualifi-
zierten an der Bevölkerung nicht zu groß ist. Denn es sind zwei gegenläufige
Kräfte am Werk: Einerseits erzielt die Gruppe der geringer Qualifizierten
keinen Nutzengewinn mehr aus der Identifizierung mit der Nation als Gan-
zem, was den Umverteilungsnutzen einer Zollerhöhung verringert, ande-
rerseits fallen nun die psychischen Dissonanzkosten der Identifizierung mit
Was passiert, wenn sich die geringer Qualifizierten nicht mehr mit der gesamten
Nation, sondern nur mehr mit dem Prototypen der Arbeiterklasse identifizieren?
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven