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Karl Farmer | Warum handelspolitischer Protektionismus wieder politikmächtig
und wirtschaftliche Freiheit zum Phantom wurden
der sich mit Reichen identifiziert. Als Konsequenz werden die Erwartun-
gen über die eigenen Möglichkeiten, Einkommen zu erzielen, polarisierter
und der Umverteilungskonflikt im Vergleich zur Welt ohne Identifizierung
heftiger. (2) Ökonomische Schocks können die Identifikation ändern, indem
Polarisierung in neuen Dimensionen auftritt, während sie entlang bisheri-
ger Dimensionen abnimmt. Beispielsweise kann ein Globalisierungsschock
(das bevölkerungsreiche China öffnet sich gegenüber dem Weltmarkt) in-
dividuelle Interessen anders häufen als bisher: statt Arm-Reich zu für oder
gegen Globalisierung. Der politische Streit über Umverteilung geht zurück,
derjenige über Globalisierung wird heftiger.
Wie die Ergebnisse der Präsidentenwahlen in den USA vor mehr als zwei
Jahren und in Brasilien vor kurzem zeigen, gesellt sich zu diesem zwei-
dimensionalen Konflikt noch eine dritte Dimension: nämlich ein „Kultur-
kampf“ der gesellschaftspolitisch „Progressiven“ mit den gesellschafts-
politisch „Konservativen“. Es ist dieser dreidimensionale politische Kon-
flikt, den Gennaioli und Tabellini (2018, 23–24) in einem probabilistischen
Wahlmodell einer kleinen6 offenen Volkswirtschaft ähnlich jener von
Grossman und Helpman (2018) untersuchen, aber mit dem Unterschied,
dass individuelles Einkommen, Einstellung zum Außenhandel und die
Erfolgschancen progressiver Kulturpolitik zufallsabhängig sind. Überdies
verfügt die Regierung neben dem Zollsatz noch über zwei weitere Politik-
instrumente: nämlich den Lohnsteuersatz und einen Politikparameter, der
den Grad der „Progressivität“ bürgerlicher Rechte indiziert: Je größer der
Parameter, desto liberaler ist die Gesellschaftspolitik.
Die Individuen unterscheiden sich danach, woher ihre Einkommen stam-
men. Erstens, jedes Individuum verdient ein zufallsabhängiges und zu ver-
steuerndes Lohneinkommen aus der Beschäftigung im Exportsektor. Zwei-
tens, jedes Individuum erhält ein steuerfreies Einkommen aus dem Ange-
bot eines Faktors, der auch im importsubstituierenden Sektor Beschäftigung
finden kann, und zwar mit einer je nach Individuum unterschiedlichen
Wahrscheinlichkeit, die von einem Parameter abhängt, der die Konkurrenz-
intensität im importkonkurrierenden Sektor angibt. Den Typ eines Wäh-
lers oder einer Wählerin bildet der stochastische Vektor des individuellen
Einkommens, der Handelsoffenheit und kulturellen Progressivität ab. Das
typische Individuum erzielt materiellen Nutzen aus dem Konsum des pri-
vaten Export- und Importgutes und eines öffentlichen Gutes (Infrastruk-
tur). Als drittes Element in der Nutzenfunktion scheint die Präferenz für ge-
sellschaftsliberale bürgerliche Rechte auf. Die Individuen sind sich über die
Konsequenzen einer Ausweitung bürgerlicher Rechte unsicher, und ihre ge-
6 Die im Text nachfolgenden Über-
legungen gelten im Wesentlichen
auch für große offene Volkswirt-
schaften wie die USA. Siehe die Ar-
gumente in Fußnoten davor.
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 2:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 2:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 267
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven