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Elisabeth Zissler | Digitale Kränkung?
wissenschaftlichen Fortschritt geschuldet sind: die kosmologische nach
Kopernikus, die biologische nach Darwin sowie die psychologische Krän-
kung (vgl. Freud 1966, 7–9).
In Anlehnung an diese drei „klassischen“ Kränkungen nach Freud findet
sich in der Forschungsliteratur eine weitere Kränkung, die bisher vor-
herrschende Wesensbestimmungen des Menschen und darauf aufbauende
Menschenbilder infrage gestellt hat. Dabei handelt es sich um die neuro-
biologische Kränkung aufgrund des Bestreitens der Willensfreiheit (u. a.
durch die Hirnforschung). Bis dato anerkannte Menschenbilder, die den
Menschen als zumindest relativ freies und selbstbestimmtes Wesen be-
greifen, gerieten unter Rechtfertigungsdruck.
Die neurobiologische Kränkung
Der wissenschaftliche Fortschritt im Bereich der Neurobiologie bringt eine
„neurobiologische Kränkung“ des Menschen im 21. Jahrhundert mit sich,
derzufolge der dualistisch verstandene „Geist“ in Erklärungsnot geraten
ist. In einer Aufsehen erregenden Deklaration, dem sogenannten Manifest,
herausgegeben von elf fĂĽhrenden Neurowissenschaftler*innen, ist diesbe-
zĂĽglich Folgendes zu lesen:
„Geist und Bewusstsein – wie einzigartig sie von uns auch empfunden
werden – […] sind nicht vom Himmel gefallen, sondern haben sich in
der Evolution der Nervensysteme allmählich herausgebildet. Das ist viel-
leicht die wichtigste Erkenntnis der modernen Neurowissenschaften.“
(Monyer u. a. 2004, 33)
Ab den 1990er-Jahren entbrannte infolgedessen eine Debatte darĂĽber, ob
die Willensfreiheit des Menschen womöglich doch nur „Illusion“ sei, da
innerpsychische Prozesse, wie das Treffen von Entscheidungen oder die
absichtsvolle Planung von Handlungen, mit neuronalen Vorgängen in be-
stimmten Hirnarealen einhergehen und somit all diese Prozesse mit phy-
siochemischen Vorgängen beschreibbar sind (vgl. Monyer u. a. 2004).
Die Ergebnisse der Hirnforschung evozierten infolgedessen ein grund-
legend verändertes Verständnis des Menschen, das bestehende Freiheits-
konzepte herausgefordert hat. Im wissenschaftlichen Diskurs wurde die
den freien Willen infrage stellende, reduktiv-naturalistische Auffassung
Worin besteht eigentlich die „Kränkung“?
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 3:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 3:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven