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Elisabeth Zissler | Digitale Kränkung?
des Menschen im Kontext der interdisziplinär ausgerichteten „Geist-Ge-
hirn-Debatte“ verhandelt (vgl. Becker 2009; Müller 2009; Müller/Schmidt
2011).
Indem durch die Analysen der neurobiologischen Bedingtheit des Men-
schen die Freiheit und Autonomiefähigkeit der menschlichen Person in-
frage gestellt werden, erschüttert dies jene Menschenbilder, die von der
(relativen) Freiheit des Menschen ausgehen, wie es das „christliche“ Men-
schenbild (vgl. Kruip 2009) für sich beansprucht. Zudem zieht dies auch
weitreichende Konsequenzen für ethische Ansätze, die auf die Selbstbe-
stimmung des Individuums aufbauen, nach sich. So kann ein reduktiv-na-
turalistisches Menschenbild, das keine Freiheit der Person kennt, einer
„Ethik des guten Lebens“ aus theologisch-ethischer Perspektive, welche
von der grundsätzlichen, wenn auch bedingten (begrenzten) Freiheit des
Menschen als Person und von seiner Verantwortung gegenüber der Schöp-
fung ausgeht, nicht gerecht werden.
Wie ist nun der neurobiologischen Kränkung zu begegnen? Wie kann sie
überwunden werden? Neuere Forschungsansätze im Dialog zwischen Na-
turwissenschaften und Theologie versuchen hier zu vermitteln.
Einen Lösungsansatz bietet etwa das Emergenzmodell, das die „Eigen-
ständigkeit des emergierten Bereichs“ (Becker 2009, 79–80), d. h. den
„freien Willen“, zu begründen versucht:
„Der Mensch erhält auch im Rahmen des Emergenzkonzeptes eine Son-
derstellung, da das emergierte Bewusstsein die Höchstform des evoluti-
ven Prozesses kennzeichnet und einen Mehrwert gegenüber den anderen
Daseinsformen beinhaltet.“ (Becker 2009, 223)
Doch nicht nur neue Erkenntnisse im Bereich der Neurowissenschaften
fordern die Anthropologie heraus, sondern auch genetische Manipulati-
onsmöglichkeiten. Dazu die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann:
„Im Zeitalter seiner bio-technischen Programmierbarkeit ist die Natur
des Menschen heute keine unhintergehbare Größe mehr. Der Mensch ist
aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und technischer Ver-
fahren befähigt, in seine eigene Evolution einzugreifen und seine gene-
tische Konstitution samt der seiner Nachkommen zu verändern.“ (Ass-
mann 2008, 112)
Ein Lösungsansatz zur Überwindung der neurobiologischen Kränkung
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 3:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 3:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven