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Elisabeth Zissler | Digitale Kränkung?
Ethische Forderungen im digitalen Zeitalter
Im digitalen Zeitalter verlangt das Individuum weiterhin nach Sinn- und
Bedeutungszusammenhängen, die die Erkenntnisleistungen der Technik-
wissenschaften entweder nicht hinreichend liefern können oder bisher so-
gar weitgehend ausgeblendet haben. Die ethische Perspektive kann es sich
demzufolge zur Aufgabe machen, solche Zusammenhänge – z. B. hinsicht-
lich möglicher Grenzen im Bereich der Digitalisierung und technischer
Verfahren – aufzuzeigen und in den wissenschaftlichen und gesellschaft-
lichen Diskurs einzubringen. Ein weiteres wichtiges Desiderat stellt in die-
sem Zusammenhang auch die Reflexion von möglichen Risiken und Gefah-
ren der Digitalisierung dar, worauf abschließend noch näher eingegangen
wird.
Auf „Digitalisierungsverlierer“ achten und präventive Maßnahmen setzen
Nicht alle Menschen sehen den Entwicklungen des digitalen Wandels mit
Begeisterung und Fortschrittsoptimismus entgegen, sondern mit Unsi-
cherheit, (Zukunfts-)Ängsten und Pessimismus. Gründe dafür sind etwa
eine sich scheinbar verselbständigende technologische Entwicklung, die
der Einzelne gar nicht oder zumindest nur mehr limitiert nachzuvollziehen
vermag. Auch der große Druck, permanent online präsent zu sein – sowohl
beruflich als auch privat –, wird wahrgenommen, und es wird befürchtet,
aufgrund unzureichender Datenschutzbestimmungen und Datenmiss-
brauchs ein „gläserner Mensch“ zu werden.
Sorgen dieser Art betreffen die Digital Immigrants, die vor 1980 geboren
wurden und sich den Umgang mit digitaler Technik erst im Erwachsenen-
alter selbst aneignen mussten, ebenso wie die Digital Natives, die bereits
in und mit der digitalen Welt aufgewachsen sind (vgl. Prensky 2001). Dass
auch die Digital Natives davon betroffen sind, braucht nicht zu verwundern.
Aus einer mittlerweile vorgenommenen Differenzierung von drei Typen
der Digital Natives (Digital Orphans, Digital Heirs, Digitale Exiles)5 geht her-
vor, dass es innerhalb dieser Gruppen auch sogenannte „Digitalisierungs-
verlierer“ bzw. „Digitalisierungsaussteiger“ gibt und auch zukünftig ge-
ben wird, sofern nicht mit Hilfe bestimmter Initiativen aktiv gegengesteu-
ert wird. Umso mehr braucht es gegenwärtig eine Verständigung darüber,
wie Benachteiligungen durch Digitalisierungsprozesse verhindert werden
können.
5 Digital Orphans und Digital Exiles
gehören jeweils einer Gruppe der
Digital Natives an, bei denen die An-
wendung von digitalen Technolo-
gien Langzeitfolgen hinsichtlich der
Entwicklung von zwischenmensch-
lichen Fähigkeiten nach sich zieht
oder die Probleme damit haben bzw.
darunter leiden, das eigene Leben
mit der digitalen Welt in Einklang zu
bringen. Im Gegensatz dazu sind die
Digital Heirs als die großen Gewinner
zu sehen: Eine Person, die dieser
Gruppe angehört, besitzt ein großes
Verständnis für digitale Techno-
logien und versteht es, ihr Leben
in eine gute Balance zwischen der
digitalen und der „realen“ Welt zu
bringen, was ihr auch im beruflichen
Leben Vorteile bringt (vgl. Samuel
2017).
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 3:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 3:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven