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Eugen Dolezal und Moritz Windegger | KI – Künstler oder Werkzeug?
Ludwig van Beethoven hat kurz vor seinem Tod am 26. März 1827 an einer
10. Symphonie gearbeitet. Erhalten sind davon nur einige Notizen für einen
ersten Satz. Mehr als „unvollendet“ im Sinne eines zwar nicht zu Ende ge-
brachten, aber doch einheitlichen Werkes scheinen die überlieferten Noten
ein noch gar nicht auf den Weg gebrachtes Werk zu sein. In der Hoffnung
dieses Werk doch zu „vollenden“, sollen nun im Jahr 2020 mit Hilfe von
Künstlicher Intelligenz (KI) die fehlenden Teile der Unvollendeten ergänzt
worden sein. „Ein Erfolg ist das Ganze aus Sicht der Teilnehmer, wenn die
Besucher aus dem Konzert gehen und sagen: Genau so hätte Beethoven das
im Kopf haben können“, heißt es in einem Bericht der Frankfurter Allgemei-
nen Sonntagszeitung zu diesem Vorhaben (Weiguny 2019). Was möchten die
Programmierer:innen, KI-Expert:innen und Musikwissenschaftler:innen
mit diesem Projekt zeigen?
Die „Beethoven-KI“ ist eine eigens für dieses Projekt erstellte Software,
die auf Algorithmen basiert, welche zur Sprachverarbeitung dienen. Diese
wurden von den Software-Ingenieuren an die Anforderungen der Musik-
wissenschaft angepasst. Die Software errechnet aus überlieferten Skizzen
des Komponisten mögliche Erweiterungen, internationale Musikwissen-
schaftler und eine Beethoven-Expertin bewerten die Vorschläge und trai-
nieren auf diese Weise die Software zu einem sich kontinuierlich optimie-
renden Output. Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte Zusammenarbeit
zwischen zwei grundverschiedenen Wissenschaftszweigen, der Informatik
und der Musikwissenschaft (Deutsche Telekom AG 2019).
Doch die Überschreibung des Projektes legt ein fast atemberaubendes Pos-
tulat nahe, nämlich dass die Maschine ein Replikat von Beethovens Schaf-
fen erzeugen könnte. Wäre dies die Absicht und träfe sie zu, käme dies der
„vierten Revolution“, die der Mensch im Verständnis seiner selbst und im
Verständnis der Welt erleiden musste, gleich. Der italienische Philosoph
Luciano Floridi reiht mit diesem Begriff die technologische Entwicklung
in ihrer Bedeutung auf eine Ebene mit den drei philosophiegeschichtlichen
„Kränkungen“ des Menschen. Seit Kopernikus gilt der Mensch nicht mehr
als Zentrum des Kosmos, mit Darwins Evolutionstheorie hat er seine Stel-
lung als Krönung der Schöpfung eingebüßt, und seit Sigmund Freud ist er
sich nicht einmal mehr seiner selbst sicher. Nun komme dem Menschen
auch noch die „Fähigkeit zu denken“ als ein Alleinstellungsmerkmal ab-
Kann Künstliche Intelligenz ein Replikat
von Beethovens Schaffen erzeugen?
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 3:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 3:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven