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LIMINA - Grazer theologische Perspektiven
Limina - Grazer theologische Perspektiven, Band 3:2
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222 | www.limina-graz.eu Eugen Dolezal und Moritz Windegger | KI – Künstler oder Werkzeug? ̟ Zweitens ist es der technischen Reproduktion möglich, das situati- ve Moment des Originals zu übersteigen. Die technische Reproduk- tion kann in Situationen kommen, die dem Original nicht möglich sind: sei es als Photographie, die eine kunstfertige Sehenswürdig- keit in das Zimmer eines Studentenwohnheims zwingt, oder eine Schallplatte, die ein unter freiem Himmel ausgeführtes Konzert in das Zimmer eines Fans bringt (vgl. Benjamin 2015, 14–15). Die technische Reproduktion entzieht dem Menschen die Echtheit der Sa- che. Das liegt darin begründet, dass Echtheit „der Inbegriff alles von Ur- sprung her an ihr Tradierten, von ihrer materiellen Dauer bis zu ihrer ge- schichtlichen Zeugenschaft“ (Benjamin 2015, 16) ist. Diese geschichtliche Zeugenschaft ist begründet in der materiellen Dauer des Kunstwerks. Wenn sich nun Letzteres durch die Mittel der technischen Reproduktion dem Menschen entzieht, verliert auch die geschichtliche Zeugenschaft ihren Bestand und damit beginnt die Autorität der Sache ins Wanken zu geraten. Dadurch bedingt, verliert das Kunstwerk seine Echtheit, die neben der Un- nahbarkeit und Einmaligkeit seine Aura ausmacht. Konkret betrifft das in Bezug auf Beethovens Unvollendete schon jede Ton- aufzeichnung der wenigen überlieferten Takte, die die Klänge dem Kon- zerthaus entreißen und beliebig in Situationen gebracht werden können, die dem Original verschlossen wären. Dies gilt für die Unvollendete wie ge- nerell für alle Musikstücke, die auf physischen oder digitalen Tonträgern gespeichert und beliebig abgerufen werden können. Das Vorhaben, die Un- vollendete mit Hilfe einer Künstlichen Intelligenz zu Ende zu schreiben, öffnet aber einen vollkommen neuen Horizont. Durch die mathematischen Berechnungen wird nicht mehr nur „re-produziert“, sondern es wird et- was Neues anhand des Originals produziert. Dadurch wird die Aura des Ori- ginals, das Benjamin als „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“ (Benjamin 2015, 19), bezeichnet, nicht gemindert, da die Ferne des Kunstwerks abhandenkommt, sondern sie wird geradezu zerstört, weil das Neuproduzierte den Anspruch zu erheben vermag, das Original zu er- setzen. Dieser Ersetzungsprozess samt Verlust der Aura gilt für jedes Kunstwerk, welches unter dem Einsatz Künstlicher Intelligenz fortgeschrieben wird, Mithilfe Künstlicher Intelligenz wird anhand des Originals etwas Neues produziert und dessen Aura zerstört.
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Limina Grazer theologische Perspektiven, Band 3:2
Titel
Limina
Untertitel
Grazer theologische Perspektiven
Band
3:2
Herausgeber
Karl Franzens University Graz
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC 4.0
Abmessungen
21.4 x 30.1 cm
Seiten
270
Kategorien
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