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Eugen Dolezal und Moritz Windegger | KI – Künstler oder Werkzeug?
die über den Gehör-, Gesichts- oder einen anderen Sinn auf das Subjekt
einwirken, gehören bereits durch die Erfahrung dieser Eindrücke auch dem
Bewusstsein an (vgl. Stein 1991, 136-137). Empfindungen und Empfindnisse
kommen nicht nur dem materiellen Körper zu, sondern sind im Falle eines
Subjekts mit dessen Bewusstseinsleben verbunden und dadurch gleichsam
Eigenschaften des Subjekts und des Leibes (vgl. Stein 1991, 137). Diese Ver-
bundenheit ist – neben der dem Menschen eigenen Freiheit – wesentlich
für jegliches kreative Schaffen bis hin zum Kunstwerk. Diese Eigenschaften
des Menschen sind dabei nicht auf eine Maschine übertragbar. Ein solches
Vorhaben scheitert mitunter schon an der Messbarkeit derselben. Welche
Form von Datensatz sollte man denn der Maschine als Grundlage geben?
Robert Spaemann versucht diese Besonderheit des Menschseins folgen-
dermaßen zu charakterisieren:
„Was erscheint in der Subjektivität? Sein, Wirklichkeit. Und zwar gerade
deshalb, weil Subjektivität selbst nicht Positivität, sondern Negativität
ist, nicht vorfindbares Faktum, sondern Reflexion. Nur in dem, was nicht
von der Art des positiven Faktums ist, kann das Faktum erscheinen. Der
Mensch ist der Ort der Erscheinung des Seins.“ (Spaemann 2009, 137)
Was bedeutet das für die Frage, ob eine Künstliche Intelligenz befähigt ist,
ein Kunstwerk zu schaffen?
Fazit
Teil der Echtheit eines Originals ist, nach Benjamin, neben dessen mate-
riellem Bestand auch dessen gesamte Tradition. Diese beginnt aber nicht
erst mit dem ersten Pinselstrich oder dem Niederschreiben der ersten Note
einer Symphonie, sondern konsequenterweise bereits in der inspirieren-
den Erfahrung des Künstlers/der Künstlerin, in der das Kunstwerk seinen
Anfang nimmt. Weiters kann die Unvollendete nicht von einer künstlichen
Intelligenz „vollendet“ werden, da das Original gerade in seiner Unvoll-
endetheit besteht und diese „Unabgeschlossenheit“ Teil der Tradition des
Originals und damit seiner Aura ist. Folglich kann die Maschine die Prozes-
se dieses konkreten künstlerischen Schaffens nicht fortführen.
Wie kann es also sein, dass die Künstliche Intelligenz etwas produziert, das
als Kunstwerk eingeordnet werden kann, wenn sie aufgrund ihrer Kons-
titution schon keine ursprüngliche Erfahrung haben kann? Ausschlagge-
Limina
Grazer theologische Perspektiven, Band 3:2
- Titel
- Limina
- Untertitel
- Grazer theologische Perspektiven
- Band
- 3:2
- Herausgeber
- Karl Franzens University Graz
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 4.0
- Abmessungen
- 21.4 x 30.1 cm
- Seiten
- 270
- Kategorien
- Zeitschriften LIMINA - Grazer theologische Perspektiven