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Archiv und Politik
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Auch wurde in Prag nie eine grundlegende Neuordnung des Bestandes vor-
genommen, was dem in 20 schwarzen Kästen untergebrachten Stifter-Archiv
zugleich einen musealen Charakter verleiht (Abb. 3). Dies erlaubt es zwar, mit
gewissermaßen archäologischem Blick bis heute die Zusammensetzung der
Sammlung in ihren einzelnen Bestandteilen und hier insbesondere den Fundus
der diversen, z. T. umfänglichen Schenkungen nachzuvollziehen, eine Reorgani-
sation – wie sie etwa im Falle der an Stifter gerichteten, bislang nach Absendern
alphabetisch geordneten Briefe unter chronologischer Reihung sicher sinnvoll
gewesen wäre – ist, wie Alois Hofman (1984) selbstkritisch anmerkte, bis heute
ein Desiderat geblieben.7 Wissenschaftlich aufgewogen wird dies durch die von der
Prager Nationalbibliothek vorgenommene partielle Digitalisierung der Be
stände,
die zwar noch nicht komplett oder allgemein zugänglich sind, der HKG je nach
Bedarf aber zur Verfügung gestellt wurden, was deren Publikationsrhythmus
wesentlich unterstützt und beschleunigt hat, da die (Vor-)Arbeit am Bildschirm in
den meisten Fällen vor Ort nur noch punktuelle Überprüfungen nötig machen.8
Rückt damit die seit 1978 im Stuttgarter Kohlhammer-Verlag erscheinende
HKG ins Blickfeld, so unterscheidet sich deren Genese geradezu diametral von
der eben skizzierten Entstehungsgeschichte der PRA, wenngleich auch sie ein
Politikum sui generis bildete, und zwar mit den Antipoden Linz und München,
die am 27. November 1964 in Hamburg aufeinandertrafen, um das martialische,
wenngleich hier durchaus angebrachte Wort vom ,Kriegsschauplatz‘ zu vermei-
den.9 Kurz zuvor nämlich war ein umfängliches Konvolut bis dato unbekannter
Handschriften Stifters, das nicht weniger als 14 vollständige Manuskripte des
sogenannten ,abgelegten Blätter‘ zum Witiko in Transkriptionen: Internet Edition Adalbert Stifter
– Witiko (Innsbruck 1999–2008). Abrufbar unter: https://www.uibk.ac.at/germanistik/stifter/
witiko/ (25.11.2019).
7 Allerdings hat Hofman (1962,
71–109) diese Chronologie ebenso wie für die von Stifter verfass-
ten Briefe in seiner Übersicht der Sammlungen vorgenommen.
8 Für diese kollegiale Hilfestellung sei an dieser Stelle Kamil Boldan, Miloš Dostál und Petra
Hofbauerová herzlich gedankt!
9 Zur besseren Lesbarkeit des Beitrages finden sich die bibliografischen Angaben zu jenen Zei-
tungsartikeln, aus denen im Folgenden zitiert wird, in narrativer Form im Fließtext; im Literatur-
verzeichnis werden die Zeitungsbeiträge nicht mehr eigens angeführt. – So prophezeite schon
„R. B.“ in den Düsseldorfer Nachrichten vom 30. Oktober 1964, „daß um den Erwerb der Hand-
schriften ,eine wilde Schlacht‘ entbrennen“ werde. Von einem „kurzen Duell zwischen der Baye-
rischen Staatsbibliothek, dem Linzer Stifter-Archiv und anderen“ spricht unter dem Datum des
29. November 1964 „W. H.“ in Die Welt, Nr. 279. „Um Stifter wurde gekämpft“, vermeldeten wort-
gleich am 7.
Dezember 1964 die Düsseldorfer Nachrichten sowie die Westdeutsche Zeitung in ihren
Ausgaben Krefeld und Mönchen-Gladbach. Vergleichsweise moderat dagegen Schacherls (1965)
Wendung vom „atemberaubende[n] Konkurrenzkampf“.
Logiken der Sammlung
Das Archiv zwischen Strategie und Eigendynamik
- Titel
- Logiken der Sammlung
- Untertitel
- Das Archiv zwischen Strategie und Eigendynamik
- Autoren
- Petra-Maria Dallinger
- Georg Hofer
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069647-9
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 202
- Schlagwörter
- Archiv, Nachlassinventar
- Kategorien
- Weiteres Belletristik