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Konzentrationslager Mauthausen-Gusen 1938–1945 |
Ab Mitte April trieb man den Großteil dieser ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter
und Zwangsarbeiterinnen, gemeinsam mit einem Teil der jüdischen Häftlinge des KZ
Mauthausen, nach ihrer vorläufigen Unterbringung im bald völlig überfüllten Zeltlager
weiter in das 55 Kilometer entfernt liegende Auffanglager Gunskirchen.205 Dort wur-
den unter katastrophalen hygienischen Bedingungen bis zu 20.000 jüdische Häftlinge
zusammengepfercht. Auslöser für die Zusammenlegung der jüdischen Häftlinge war
vermutlich die Anordnung Himmlers, das Leben der Juden zu schonen, um sie als
Unterpfand für Verhandlungen mit den Westalliierten einsetzen zu können.206 Wie
viele der ungarischen Juden und Jüdinnen in Mauthausen, auf den Fußmärschen nach
Gunskirchen oder im Lager Gunskirchen ihr Leben verloren, ist heute nicht mehr zu
eruieren. Die Schätzungen belaufen sich insgesamt auf 6500 bis 14.000.207
Das Ende des KZ Mauthausen zeichnete sich spätestens ab, als Ende April 1945
basierend auf einer Übereinkunft des Präsidenten des Internationalen Roten Kreuzes,
Carl Jacob Burkhardt, mit Ernst Kaltenbrunner mehr als 1300 französische, belgische
und niederländische Häftlinge, darunter knapp 800 Frauen, entlassen und mit drei
Konvois des Roten Kreuzes in ihre Heimatländer abtransportiert wurden.208 Zu dieser
Zeit rückten bereits die Rote Armee von Osten sowie die 3. US-Armee von Westen
her immer schneller vor. Nachdem die SS in der zweiten Aprilhälfte die Vernichtung
von Beweisdokumenten angeordnet hatte, befahl sie Ende April auch die Demontage
der Tötungseinrichtungen sowie die Ermordung unmittelbarer Zeugen von Massen-
verbrechen. Am 3. Mai 1945 verließ die SS die Lager Gusen und Mauthausen und
übergab deren Bewachung an Einheiten der Wiener Feuerschutzpolizei. Am 5. Mai
vormittags kündete eine Vorhut der 3. US-Armee die unmittelbar bevorstehende Be-
freiung an : Ein Platoon des 41st Cavalry Reconnaissance Squadron der 11th Armored
Division fuhr in Gusen, später in das Lager Mauthausen ein, zog aber mit 1000 fest-
genommenen Bewachern wieder ab. Am 6. Mai traf schließlich eine Kompanie des
205 Vgl. Szabolcs Szita : Zwangsarbeit, Todesmärsche, Überleben durch Hilfe. Die österreichische Bevöl-
kerung in der Erinnerung der ungarischen deportierten und politischen Häftlinge 1944–45, Budapest
2004, S. 157 f., sowie ders.: Ungarn in Mauthausen. Wien 2006 (Mauthausen-Studien, 4), S. 135 ff.
206 Vgl. Daniel Blatman : Die Todesmärsche 1944/45. Das letzte Kapitel des nationalsozialistischen Mas-
senmords, Reinbek 2011, S. 222 u 386 f.
207 Die Zahlen ergeben sich aus der Summe der Mindest- und Höchstzahlen der Toten jeweils im Zeltla-
ger, auf dem Fußmarsch sowie in Gunskirchen ; siehe : Rabitsch, Konzentrationslager, S. 366 ; Blatman,
Todesmärsche 1944/45, S. 387 f.; Peter Kammerstätter : Der Todesmarsch ungarischer Juden vom KZ
Mauthausen nach Gunskirchen, April 1945. Eine Materialsammlung mit Bildern, unveröff. Manuskript,
Linz 1971, S. 6 ; Lappin-Eppel, Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter, S. 467, 471 u. 474 f.; Freund/Perz,
Zahlenentwicklung, S. 146.
208 Siehe Comité International de la Croix-Rouge : Die Tätigkeit des IKRK zugunsten der in den deutschen
Konzentrationslagern inhaftierten Zivilpersonen (1939–1945), Genf 31947 (Serie II, Nr. 1) ; vgl. auch :
David W. Pike : Spaniards in the Holocaust. Mauthausen, the Horror on the Danube, London/New York
2000, S. 192–203.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Mauthausen und die nationalsozialistische Expansionsund Verfolgungspolitik
Band 1
- Titel
- Mauthausen und die nationalsozialistische Expansionsund Verfolgungspolitik
- Band
- 1
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Heinrich Berger
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21217-1
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 426
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen