Seite - 132 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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132 | Piotr Filipkowski
«Und ich sage immer eins, ich persönlich weiß gar nicht, durch welch ein Wunder ich über-
haupt lebe. Ehrlich gesagt, ich weiĂź nicht, wem ich dafĂĽr danken soll, dass ich lebe. Es kann
einen glĂĽcklichen Zufall geben, einen zweiten, einen dritten glĂĽcklichen Zufall. Aber in mei-
nem Fall gab es viel zu viele solche glücklichen Zufälle.»40
Solche Zufälle waren bei der Untergrundbetätigung nicht selten. Sie ist auch häufig ein
wichtiger Bezugspunkt im autobiografischen Bericht. Man kann nämlich getrost dar-
auf seine soziale Identität aufbauen. Dyonizy Lechowicz, der im Juli 1943 wegen seiner
Untergrundbetätigung verhaftet wurde, in das Gestapo-Gefängnis in Kielce kam und
danach nach Auschwitz, Mauthausen und schlieĂźlich nach Gusen verbracht wurde,
sagt zu Beginn seiner Erzählung, gleich nachdem er sich vorgestellt hat, Folgendes :
«Meine Eltern waren bereits 1940 in einer Untergrundorganisation, somit war auch ich einge-
bunden. Bei uns zu Hause wurden OhrenschĂĽtzer und Handschuhe fĂĽr die Partisanen-Ein-
heit von Major Hubal genäht und ich habe die Sachen zu den Dominikanerinnen gebracht.
Dort übernahm ein Mann die Sachen und brachte sie in die Gegend der Stadt Końskie. Ich
habe drei Militärmäntel und 50 Paar Ohrenschützer und Handschuhe dorthin getragen.»41
Die Zugehörigkeit zu einer Familie, die im Untergrund tätig war, ist hier ein wichtiges
Element der Selbstdefinition. Kein Wunder, dass die Erzählung damit beginnt – ob-
wohl wir später, als der Erzähler ins Detail geht, erfahren, dass er selbst erst einige Zeit
danach tatsächlich im Untergrund tätig war ; immerhin war er 1940 gerade einmal
dreizehn Jahre alt.
Noch ein ähnliches Zitat, ebenfalls am Beginn des Interviews, nach der VorstellungÂ
–
in diesem Fall war der Erzähler, Benedykt Lech, jedoch nahezu von Kriegsbeginn an
im Untergrund aktiv :
«Als der Krieg begann, als die Deutschen in Leslau einmarschiert waren, schlossen wir uns
zusammen, darunter meine um zwei Jahre ältere Schwester, und gründeten, aber eigentlich hat
das meine Schwester gemacht, den Politisch-Literarischen Verband Kujawien. Wir gaben eine
Untergrundzeitung heraus. Natürlich wurde sie mit einem Vervielfältigungsgerät gemacht, es
gab ja keine andere Möglichkeit. Es gab darin Informationen aus abgehörten Radiosendungen,
literarische Nachrichten, etwas zur Erbauung. Und das haben wir verbreitet. Es kam dazu,
dass alle auf unsere Zeitung warteten. Wir hatten eine Menge Austräger. Jeder wollte dem Ver-
band beitreten. Und so war es das ganze Jahr 1940, bis zur Verhaftung, bis zum Jahr 1941.»42
40 FU Berlin, Zwangsarbeit 1939–1945, ZA 222, Interview mit Zygmunt Podhalański, Interviewer : Piotr
Filipkowski, 13. 2. 2006.
41 AMM, MSDP, OH/ZP1/598, Interview mit Dyonizy Lechowicz, Interviewerin : Monika Kapa-Cichocka,
Kielce, 5. 7. 2002.
42 AMM, MSDP, OH/ZP1/729, Interview mit Benedykt Lech, Interviewerin : Katarzyna Madoń-Mitzner,
Bydgoszcz, 15. 7. 2002.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen