Seite - 355 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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355«Sie
haben uns die ganze Zeit spazieren gefahren …» |
Meist erstellte aber die lokale Verwaltung selbst Deportationslisten, wie im Fall der im
Mai 1943 nach Deutschland deportierten Dominikija Skiba :
«Ich habe bis zum Frühling [in der Kolchose] gearbeitet, und im Frühling sind die Ersten
zusammengestellt worden und ich bin in diese für Deutschland bestimmte Auswahl geraten.
[…] Polizeiler52 gab’s, und Listen wurden zusammengestellt. Also da konntest du nicht mehr
raus. […] das hat einfach der Dorfsowjet gemacht, wie das geheißen hat, der Dorfsowjet. Sie
kennen ja alle, wissen, wer da ist, sie haben eine Liste von allen jungen Leuten gemacht und
ich bin da auch drauf geraten.»53
Die lokale Verwaltung hatte also einen nicht unerheblichen Handlungsspielraum
bei der Rekrutierung der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen. Die ehemalige
Zwangsarbeiterin und Überlebende von Auschwitz und Mauthausen Maria Mudrak
berichtet, sie sei eigentlich gar nicht zur Deportation vorgesehen gewesen : «Die Toch-
ter unseres Brigadiers wurde für Deutschland ausgewählt und er hat sie durch mich
ersetzt.»54 Auch Anna Basarab erlebte die Selektivität des Rekrutierungsprozesses :
«Zehn. Das waren die Ersten, die Ersten, die gleich verschleppt wurden. Jede Familie
gibt einen ab, sagt er, ganz gerecht. Aber unsere Vorsitzenden haben ja irgendwelche
Armen genommen und ihre Angehörigen haben zu Hause gesessen.»55
Walentina Sechina schildert ihre Zwangsrekrutierung als Höhepunkt des Konflikts
mit einem Mitglied der lokalen Hilfspolizei :
«Und dann hat er uns während des Krieges nicht in Frieden gelassen, Drobot hat er geheißen.
Er ist zu den Deutschen gegangen, zu diesen – Polizeilern oder wie sie sich damals genannt
haben. […] Einmal hat er sogar, als er uns erwischt hat, wir zu Hause waren, die Schwester
gepackt und ihr ein paar übergezogen, mit der Pei/
– mit diesen Gummidingern. Sechs Hiebe
hat er ihr versetzt. Und mich hat er an der Hand gepackt und mich nach Krasnyj Gorodok ge-
schleppt, das ist da bei uns.56 Dort war ihr Büro der wie das geheißen hat – ihr Revier. ‹Zum
Arbeiten !›, hat er zur Mama gesagt. ‹Arbeiten wirst du !›, hat er gesagt.»57
52 Die in Interviews und Zeitzeugenberichten gebräuchlichen Begriffe «Polizei» und «Polizejski» bezeich-
nen die lokale ukrainische Polizei, die von den Deutschen aufgestellt wurde. Im weiteren Text wird hier-
für die Übersetzung «Polizeiler» benutzt.
53 AMM, MSDP, OH/ZP1/482, Interview mit Dominikija Karpowna Skiba, Interviewerin : Irina Ostrows-
kaja, Krasilow, 30. 8. 2002, Übersetzung, Z. 386–399. Ganz ähnlich berichtet auch die ehemalige Zwangs-
arbeiterin Anastasija Archipenko : AMM, MSDP, OH/ZP1/493, Interview mit Anastasija Iwanowna Ar-
chipenko, Interviewerin : Irina Ostrowskaja, Kochiwka, 31. 7. 2002, Übersetzung, Z. 207–211.
54 AMM, MSDP, OH/ZP1/481, Interview mit Maria Serafimowna Mudrak geb. Moskalenko, Interviewerin :
Irina Ostrowskaja, Nowoslobodka, 17. 11. 2002, Übersetzung, Z. 212–214.
55 AMM, MSDP, OH/ZP1/268, Interview Basarab, Z. 198–201.
56 Krasnyj Gorodok («Rotes Städtchen») ist eine Bergarbeitersiedlung im Stadtgebiet von Donezk.
57 AMM, MSDP, OH/ZP1/253, Interview mit Walentina Romanowna Sechina, Interviewer : Kirill Wasi-
lenko, Donezk, 13. 6. 2002, Übersetzung, Z. 37–47.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen