Seite - 356 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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356 | Imke Hansen
Auch Nadeschda Bulawa berichtet von ihrer Zwangsrekrutierung im Kontext eines
problematischen Verhältnisses zur lokalen Polizei :
«Polizeiler hatten wir da, mehr als genug. Na, und wer war das : Von uns welche, Russen –
aber Polizeiler. Na, Scheusale waren das – schlimmer geht’s nicht. Ja. Na, und wir wurden im
Winter hinausgetrieben zum Räumen, zum Räumen des Flughafens, Schnee räumen. Und
den Ausweis haben sie uns abgenommen. –Â
– Na, und dann sind wir nach Hause zurück und
wurden – wie sagt man ? – überwacht wahrscheinlich, diese Polizeiler sind ja immer wieder
zu uns gekommen. Und dann, eines Tages, ist ein Polizeiler mit einem Gewehr gekommen,
und : ‹Los, gehen wir !› Ich musste mit.»58
Der Verfolgungsweg der politischen Verfolgten begann nicht mit der Verschleppung
zur Zwangsarbeit, sondern in der Regel mit Gefängnisaufenthalten. Während die meis-
ten nach Verhaftung und Verhören unmittelbar in den Gefängnissen in der Ukraine
ermordet wurden, gab es politische Gefangene, die ins Deutsche Reich deportiert und
dort in Zwangsarbeits- oder Konzentrationslagern inhaftiert wurden.
Wladimir Ewik wurde Mitte 1942 gemeinsam mit zwei seiner BrĂĽder verhaftet und
sollte erschossen werden, weil er Partisanen geholfen hatte. Doch er hatte GlĂĽck, wie
er berichtete :
«Der ältere Bruder hatte ein freundschaftliches Verhältnis mit dem Polizeiler, der/ nun, unser
lokaler Polizeiler, der die Angelegenheit leitete. Und er zwang uns, zur Vermeidung der To-
desstrafe, zwang uns nach Deutschland zu fahren. Das heißt, er händigte uns einen Zettel aus,
mit dem wir an diesem Einberufungsort erscheinen sollten, wo sie nach Deutschland schick-
ten. Und damit die deutschen Behörden die Mitglieder unserer Familie nicht terrorisieren,
versprach er, zu melden, dass wir freiwillig nach Deutschland gefahren sind.»59
Nicht nur persönliche Beziehungen konnten Partisanen und Partisaninnen vor der Er-
mordung schützen. In der zweiten Hälfte des Zweiten Weltkriegs wurde aufgrund des
immer akuter werdenden Arbeitskräftemangels im Deutschen Reich häufiger von der
sofortigen Ermordung politischer Gefangener abgesehen, und sie wurden zur Zwangs-
arbeit in Arbeitslagern und Konzentrationslagern verschleppt.60 Der Bericht von Was-
sili Kononenko, der in seiner Heimatgegend im Gebiet Tschernigow eines der jĂĽngeren
Mitglieder des örtlichen Komsomol war und im März 1943 verhaftet wurde, illustriert
diesen Wendepunkt im Umgang mit politisch Verfolgten :
58 AMM, MSDP, OH/ZP1/152, Interview Nadeschda Filippowna Bulawa, Interviewer : Kirill Wasilenko,
Donezk, 16. 6. 2002, Übersetzung, Z. 15–22.
59 AMM, MSDP, OH/ZP1/137, Interview mit Wladimir Wassiljewitsch Ewik, Interviewer : Kirill Wasilenko,
Donezk, 11. 6. 2002, Transkript, Z. 20–27.
60 MĂĽller, Rekrutierung sowjetischer Zwangsarbeiter, S. 244.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen