Seite - 358 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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358 | Imke Hansen
Bei weitem nicht alle politisch Verfolgten waren vor ihrer Verhaftung wirklich po-
litisch aktiv gewesen. Ganz abgesehen von falschen Denunziationen und irrtümlichen
Verhaftungen gerieten viele durch Razzien auf Märkten, die als vorbeugendes Mittel
der Partisanenbekämpfung deklariert wurden, in politische Gefangenschaft, wie etwa
Miron Abramow : «Im April haben die Deutschen auf dem Markt eine Razzia gemacht.
Mutter wurde nicht verhaftet. Aber ich wurde dabei, wie man so sagt, festgenommen
und nach Deutschland verschleppt.»64 Sippenhaft war eine andere Erklärung für po-
litische Verfolgung. Igor Malizkij, dessen Vater zuerst beim Militär und dann bei der
Partei gearbeitet hatte und 1938 im Zuge der stalinistischen Repressionen in ein Lager
verschleppt worden und dort umgekommen war, zog während des Krieges mit seiner
Mutter in das Dorf seines Großvaters, wo er von Einwohnern als Sohn eines Kommis-
sars denunziert und verhaftet wurde.
«Dort, als sie erfuhren, wer angekommen ist : ‹Аh, der Sohn dieses Kommissars ?›, begannen
sie mich/ einmal verhafteten sie mich, ich flüchtete. Ein zweites Mal verhafteten sie mich mit,
ich flüchtete. Beim dritten Mal verhafteten sie mich und noch einen Jungen aus unserem
Dorf, aus diesem Dorf, und wir fuhren.»65
Im ukrainischen Interviewsample ist bei der Behandlung der politisch Verfolgten ein
Muster erkennbar : Diejenigen, die aufgrund tatsächlicher politischer Tätigkeit verhaf-
tetet wurden, kamen zunächst ins Gefängnis, wurden verhört und entkamen knapp der
sofortigen Erschießung. Diejenigen, die mehr zufällig und im Rahmen von Abschre-
ckungs- und Vergeltungsaktionen inhaftiert wurden, verschleppten die Deutschen in
der Regel direkt zur Zwangsarbeit.
Für viele Ukrainer begann der Weg nach Mauthausen als Kriegsgefangene, genauer
gesagt als Soldaten der Roten Armee, wie für Michail Rybtschinskij, der jüdischer Ab-
stammung war, dies aber sowohl in der Roten Armee als auch nach seiner Gefangen-
nahme im Mai 1942, bei seiner Odyssee durch fünf verschiedene Kriegsgefangenenla-
ger, geheim halten konnte.
«Beim Krieg war ich von der ersten Sekunde an dabei. Unsere Armee war eine Offensivarmee.
Und 1941, im August, wurde unsere Armee aufgerieben, eingekesselt, bei Uman. Aus dem
Kessel konnte ich mich befreien, und aus den Resten der 12. Armee wurde eine neue 6. Armee
legungen. Auf den Spuren der Todesmärsche, Göttingen 2012 (Jahrbuch des Internationalen Tracing
Service, 1), S. 214–233, hier 216–220.
64 AMM, MSDP, OH/ZP1/653, Interview mit Miron Erastowitsch Abramow, Interviewerin : Alena Koslowa,
Saporoschje, 16. 11. 2002, Teilübersetzung, Z. 41–43. Auch Petr Donzow wurde bei einer Razzia festge-
nommen und anschließend zur Zwangsarbeit verschleppt. Vgl. AMM, MSDP, OH/ZP1/135, Interview
mit Petr Andrejewitsch Donzow, Interviewer : Kirill Wasilenko, Donezk, 12. 6. 2002, S. 2.
65 AMM, MSDP, OH/ZP1/849, Interview mit Igor Fedorowitsch Malizkij, Interviewerin : Alena Koslowa,
Charkiw, 11. 11. 2003, Transkript, Z. 171–174.
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen