Seite - 359 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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359«Sie
haben uns die ganze Zeit spazieren gefahren …» |
gebildet. In der 6. Armee hatte ich auch die Stelle des Leiters der Verschlusssachenstelle inne,
des Artilleriestabs der 6. Armee. 1942, unsere Armee war eine Offensivarmee, im Frontab-
schnitt Isjum-Barwenkowo, bei Charkow, wurde sie eingekesselt und aufgerieben. Und wir/
ich bin in Gefangenschaft geraten.»66
Michail Rybtschinskij wechselt in dieser eher knappen Schilderung seiner Gefangen-
nahme zwischen den Perspektiven «ich» und «wir» hin und her, wobei das Berichten
in der Wir-Form typisch für Berichte des Kriegsgeschehens ist – schließlich agierten
Soldaten selten allein, sondern fast immer als größere Gruppe. Im Moment der Gefan-
genschaft zerbrach die Einheit der Bezugsgruppe, und ehemalige Kameraden kamen
in unterschiedliche Kriegsgefangenenlager oder Blocks. Der Verfolgung waren die
Soldaten als Individuen ausgeliefert, was der Wechsel vom Wir zum Ich im Satz über
die Gefangennahme illustriert. Für Michail Rybtschinskij ist in dem Moment nicht
wesentlich, dass er mit 240.000 anderen Soldaten in Gefangenschaft geriet.67 Für seine
Biografie ist wichtiger, dass sein Soldatendasein in dem Moment endete und sein Weg
als Verfolgter begann, der ihn bis nach Mauthausen führen sollte.
Wegscheiden
Der Weg, der mit der Deportation begann, war kein direkter. Vielmehr führte er an
verschiedene Orte, bestand aus vielen Stationen und auch aus Situationen, die den wei-
teren Verlauf bestimmten. Diesen konnten die Verfolgten nicht immer nachvollziehen.
Neonila Roschkowa spricht in ihrem Interview aus, was sicher viele Deportierte einmal
dachten :
«Unterwegs waren wir, wissen Sie, wie lange ! Wahrscheinlich haben sie uns durch ganz
Deutschland und ganz Österreich gefahren. So scheint es mir. Aber warum, weiß ich selbst
nicht. Aber nicht nur zwei von uns, sondern […] Gruppen, Gruppen, Wozu sie uns/? Ganz
lange sind wir von Gefängnis zu Gefängnis. Da schicken sie uns hin, dort schicken sie uns
hin, heute kampieren wir hier, morgen transportieren sie uns schon wieder weiter. Aber was
das sollte ?»68
66 AMM, MSDP, OH/ZP1/604, Interview Rybtschinskij, Z. 16–23.
67 Bei der Einkesselung von vier sowjetischen Armeen bei Isjum im Mai 1942 gerieten ca. 240.000 Rot-
armisten in Gefangenschaft. Vgl. Bernd Wegner : Der Krieg gegen die Sowjetunion 1942/43, in : Horst
Boog/Werner Rahn (Hg.), Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Bd. 6 : Der globale Krieg. Die
Ausweitung zum Weltkrieg und der Wechsel der Initiative 1941–1943, Stuttgart 1990, S. 759–1102, hier
852–864.
68 AMM, MSDP, OH/ZP1/477, Interview mit Neonila Konstantinowna Roschkowa, Interviewerin : Irina
Ostrowskaja, Alexandrija, 5. 8. 2002, Übersetzung, Z. 518–525.
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen