Seite - 361 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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361«Sie
haben uns die ganze Zeit spazieren gefahren …» |
Nummer natürlich nicht mehr durchgehen, weil das Fernsehen die Grimassen und alles/.
Aber damals ist es durchgegangen.»71
Nach dem Bericht von Sergej Driga war er mit seinem Kollegen in eine Situation gera-
ten, aus der es scheinbar keinen Ausweg mehr gab – und rettete sich und den Freund
durch eine List. Drigas gesamte Erzählung gleicht einer Kette von solchen beinah
abenteuerlich geschilderten Wegscheiden, in denen er sich selbst zwar nicht unbedingt
als Helden, aber immer als einen Akteur mit einem gewissen, wenn auch sehr be-
schränkten Handlungsspielraum präsentiert. Das retrospektive Selbstbild, das er im
Interview vermittelt, ist auch im Verfolgungszeitraum von Handlungsoptionen und
Selbstbestimmung geprägt.
Auch Miron Abramow, der im April 1942 deportiert worden war und bis August
1944 Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leistete, akzentuiert seine eigene Hand-
lung in einem entscheidenden Moment :
«Am 18. August 1944, an diesem Tag, das war der Tag der Luftstreitkräfte, der 18. August. Wir
unterhielten uns darüber, versammelten uns in kleinen Gruppen. Alle wussten, dass morgen
ein Feiertag ist, und überlegten, wie man am besten feiern könnte, wie wir den anderen über
unsere Luftstreitkräfte erzählen könnte, über ihre Erfolge an der Front. Wir sind optimisti-
scher geworden, und die Stimmung war besser. Am 18. August hat mich die Gestapo verhaf-
tet. Sie haben mich aus dem Lager geholt und zu Fuß. Unser Lager war mehr so am Rande
von Weimar und die Gestapo war im Zentrum. Aber wir sind aus irgendeinem Grund zu Fuß
gegangen. Auf dem Hinweg habe ich es geschafft, meinen Zehnrubelschein zu verschlucken.
Ich wusste, wenn die den finden, mit Lenin. Man hat Korotkow gehängt, weil er Komsomolze
war, und was werden die mit mir machen …»72
Die Verhaftung – ihm wurde deutschfeindliche Agitation vorgeworfen – kam für Ab-
ramow überraschend und unterbrach die Routine der Zwangsarbeit, an die er sich
bereits gewöhnt hatte. Dies bringt er auch in seiner Erzählung zum Ausdruck, wenn
er durch die narrative Gegenüberstellung, die er jeweils mit den Worten «Am 18. Au-
gust» einleitet, einen Gegensatz zwischen der gehobenen Stimmung, dem Optimismus
und den Vorbereitungen für den kommenden Feiertag einerseits und seiner plötzli-
chen Verhaftung andererseits konstruiert. Aber wie Nadeschda Tereschtschenko stellt
er seine Handlung als lebensrettend dar : Er verschluckt den mit Lenin bedruckten
Geldschein, um sich nicht durch einen Beweis seiner Gesinnung in Lebensgefahr zu
bringen. Er hatte ihn bis dahin bei sich getragen hatte, weil er bei der Befreiung ein
Porträt von Lenin dabeihaben wollte.
71 AMM, MSDP, OH/ZP1/259, Interview mit Sergej Wassiljewitsch Driga, Interviewer : Kirill Wasilenko,
Donezk, 14. 6. 2002, Übersetzung, Z. 298–308.
72 AMM, MSDP, OH/ZP1/653, Interview Abramow, Z. 83–94.
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen