Seite - 362 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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362 | Imke Hansen
Neonila Roschkowa machte ebenfalls einen Wendepunkt ihres Weges an einem so-
wjetischen militärischen Feiertag, den sie im Zwangsarbeitslager beging, fest.
«Da war der Tag der Roten Armee, oder ? […] Na, so was in der Richtung, ein sowjetischer
Feiertag ist es gewesen. Und wir haben angefangen, sowjetische Lieder zu singen und so wei-
ter. Und die Deutsche, die, die uns bewacht hat, war nicht da. […] Na, und sie, wie sie her-
eingekommen ist – und wir singen Lieder, wir haben uns alle auf die Pritschen gesetzt und
singen sowjetische Lieder –, ist sie als Erstes zu mir gegangen und, wumm ! – verpasst mir
eine, und ich drehe mich um und wumm ! – verpasse ihr auch eine. […] Man hat mich zur
Polizei geholt und dort verhört und verhört. Na, ich habe erzählt, wie es war …»73
Roschkowa ordnete sich der Wachhabenden nicht unter, sondern schlug zurĂĽck, was
ihr im Ăśbrigen die Inhaftierung in einem Konzentrationslager einbrachte. Nicht nur in
dieser Handlung, sondern auch in ihrer Narration liegt der SchlĂĽssel zu ihrer Haltung
gegenüber ihrem «Weg», ihrem Schicksal als Verfolgte : Da ihre Reaktion offenbar sehr
schnell kam, ging sie nicht auf eine logische Ăśberlegung zurĂĽck. Vielmehr motivierten
Unrechtsbewusstsein und das BedĂĽrfnis, die eigene WĂĽrde zu bewahren, die Reaktion.
Sie fühlte sich ungerecht behandelt und gedemütigt und wehrte sich dagegen – eine
Reaktion, die in den Interviews häufig geschildert wird.
Beispielsweise auch von Nadeschda Bulawas. Sie war im Mai 1942 ins Deutsche
Reich deportiert worden und leistete Zwangsarbeit in der Landwirtschaft, als sich Fol-
gendes ereignete :
«Und dann habe ich einmal Kühe irgendwohin getrieben und ein deutscher Junge hat mich
mit einer Kastanie ins Auge getroffen. Ich hab’ nichts gesehen, es ist alles schwarz geworden.
Und er lacht laut. Und ichÂ
– ich hab’ ja die KĂĽhe mit einer Knute getriebenÂ
– ich bin ihm nach.
Ich bin ihm nach und hab ihn ordentlich durchgepeitscht. Ich war schon in so einer Verfas-
sung, dass ich was auch immer hätte machen können. Als ich zurückkam, hatte ich Angst :
Was wĂĽrde jetzt sein, wohin wĂĽrde ich kommen ? Na, und sie haben mich dann verhaftet und
mich nach Dings, nach Straßburg gebracht, zur Gestapo.»74
In Nadeschda Bulawas Narration ist ihre Reaktion, den Jungen zu verprĂĽgeln, vor al-
lem von Wut geprägt. Sie beschreibt, dass sie so wütend war, dass sie «was auch immer
hätte machen können». Später erkennt sie, dass ihr Verhalten Konsequenzen haben
würde. Sie erzählt, dass sie sich sogar fragte, wohin sie jetzt käme, ging also bereits
davon aus, dass ihr Weg sich ändern würde. Es spielt keine Rolle, ob sie diesen Gedan-
ken wirklich bereits in der damaligen Situation oder erst retrospektiv hatte und in die
Erinnerungserzählung einfügte, denn der Aussagegehalt der Episode bleibt gleich : Sie
73 AMM, MSDP, OH/ZP1/477, Interview Roschkowa, Z. 415–429.
74 AMM, MSDP, OH/ZP1/152, Interview Bulawa, Z. 43–50.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen