Seite - 363 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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363«Sie
haben uns die ganze Zeit spazieren gefahren …» |
präsentiert ihre Aktion und die folgende Konsequenz als Wegscheide, die von ihrer
eigenen Aktion bzw. Reaktion mitbestimmt wurde.
Wie Bulawa und Roschkowa berichtet auch die ehemalige Zwangsarbeiterin War-
wara Gritschenko von einer selbstbestimmten Handlung, die ihren Wegverlauf ändern
sollte. Sie schildert, dass der deutsche Bauer, bei dem sie arbeitete, sie übermäßig kon-
trollierte, in ihrer Freizeitgestaltung einschränkte und körperlich misshandelte. «Dann
hab’ ich am nächsten Tag. Ich konnte das nicht mehr aushalten und beschloss [lacht]
zum Arbeitsamt [im Original deutsch] zu fahren, um mich zu beschweren. [Lacht.]
Na, ich hab nicht kapiert[, was für Konsequenzen das haben würde].»75 Warwara Grit-
schenko fĂĽhlte sich von ihrem Arbeitgeber ungerecht behandelt und beschwerte sich
daher bei der zuständigen Behörde, ein Schritt, der durchaus nachvollziehbar ist, für
die Verfolgte im Deutschen Reich aber Konsequenzen hatte. Im Moment der Erzäh-
lung lacht sie über ihre eigene Naivität. Es war aber, so geht aus ihrer Erzählung hervor,
nicht nur Naivität, die sie zu diesem Schritt bewog, sondern auch Selbstbewusstsein
und die Weigerung, die Degradierung zur rechtlosen Arbeitssklavin zu akzeptieren.
Die häufigste Art und Weise, durch eigenes Verhalten eine «Wegscheide» herbei-
zufĂĽhren, war sicherlich Flucht. Der Gedanke an Flucht scheint nahezu allen ukra-
inischen Deportierten einmal gekommen zu sein. So schildern Neonila Roschkowa
und Wera Bobrowskaja im Interview gemeinsam, wie sie während ihres Aufenthalts im
Zwangsarbeitslager über Flucht nachdachten – offenbar nicht zum ersten Mal.
NR : «Wir haben einen Tag gearbeitet, sind in die Baracken gekommen, und ich sage : ‹Wer
will davonlaufen ?› Und Wera schon wieder : ‹Willst du etwa davonlaufen ?› [zaghaft] – ‹Und
du etwa nicht ? Willst du hierbleiben ?› – ‹Nein.› – Wir sind, glaube ich, fünf oder sechs ge-
worden, oder ?»
VB : «Na, sechs, sieben […] So eine Gruppe waren wir und wir haben beschlossen, die Ma-
schine zu sprengen und uns davonzumachen.»76
Obwohl Bobrowskaja nach der Erzählung von Roschkowa von der abermaligen Flucht-
idee nicht begeistert gewesen zu sein schien, war sie offenbar schnell ĂĽberzeugt. Mehr
noch, in der Retrospektive präsentiert sie sich selbst als Akteurin, wenn sie dem Be-
richt von Roschkowa hinzufügt : «Wir haben beschlossen, die Maschine zu sprengen
und uns davonzumachen.» Die Flucht war ein Versuch, sich nicht mit der aufgezwun-
genen Situation abzufinden, sondern das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Da-
bei war das Ziel nicht unbedingt die Heimat, was ja angesichts der Entfernung auch
nicht realistisch gewesen wäre. Viele Zwangsarbeiter und -arbeiterinnen flohen, um
sich einen Ort mit besseren Arbeits- oder Lebensbedingungen zu suchen oder gemein-
sam mit Bekannten oder Familienangehörigen arbeiten zu können. Anhand der Er-
75 AMM, MSDP, OH/ZP1/854, Interview Gritschenko, Z. 675–678.
76 AMM, MSDP, OH/ZP1/477, Interview Roschkowa, Z. 531–539.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen