Seite - 365 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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365«Sie
haben uns die ganze Zeit spazieren gefahren …» |
Weiter berichtet er :
«Ich hätte nie gedacht, dass er Jude ist, der Chef des Versorgungsdienstes der Artillerie der
26. Kavalleriedivision. Der und so weiter und so weiter. Sie haben ihn in den Keller geholt
und der ist nicht durchgekommen, er wurde erschossen. Und dann haben wir erfahren, dass
er verraten worden war. Die mit ihm zusammen waren, die hatten ihn verraten. Aber ich bin
durchgekommen, ohne irgendwelche, wissen Sie.»80
Michail Rybtschinskijs Art, diese Wegscheide zwischen Leben und Tod zu erzählen,
unterscheidet sich deutlich von der Sergej Drigas – es schwingt kein abenteuerlicher
oder humorvoller Unterton mit. Anders als Driga, der sein Verhalten in einer lebens-
bedrohenden Situation wie eine List oder einen Trick darstellt, schildert Rybtschins-
kij die Geheimhaltung seiner jĂĽdischen Herkunft sowohl vor den Deutschen als auch
vor den eigenen Leuten als Strategie. Während Driga in seiner eigenen Erzählung wie
ein Mensch wirkt, dem in schwierigen Situationen immer eine originelle Idee kommt,
präsentiert sich Rybtschinskij als strategisch denkender und handelnder Mensch. So
kommentiert er seine spätere Ablehnung, sich der kollaborierenden Russischen Befrei-
ungsarmee anzuschlieĂźen :
«Wissen Sie, sie kommen daher mit, Dings – es kommen ja welche, um für die Wlassow-
Armee zu werbenÂ
– nicht ?Â
–, und so weiter, und da waren/ ein Tatar war dort und noch einer,
ja. Aber ich hab’ da eine andere Strategie verfolgt.»81
Weggefährten
Menschen, welche die Interviewten mindestens einen Teil ihres Verfolgungswegs be-
gleiteten und manchmal sogar zu Freunden wurden, kommen in jedem Interview vor.
Diese Weggefährten hatten häufig einen erheblichen Einfluss auf den Weg der Inter-
viewten, aber auch auf die Wahrnehmung dieses Weges und die Erinnerung daran.
Besondere Weggefährtinnen sind Neonila Roschkowa und Wera Bobrowskaja, die
bereits vor dem Krieg befreundet und von der Deportation bis zur Befreiung zusam-
men waren. Wera Bobrowskaja erzählte in ihrem Interview : «Mich hat es eben zu-
sammen mit Nila erwischt und dann sind wir eben die ganze Zeit zusammen gewe-
sen, immer und überall, wir waren unzertrennlich.»82 Die Freundinnen behaupteten,
80 Ebd., Z. 227–267.
81 Ebd., Z. 270–273.
82 AMM, MSDP, OH/ZP1/484, Interview mit Wera Iwanowna Bobrowskaja, Interviewerin : Irina Ostrows-
kaja, Alexandrija, 5. 8. 2002, Übersetzung, Z. 121–123.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen