Seite - 367 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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367«Sie
haben uns die ganze Zeit spazieren gefahren …» |
Bobrowskaja und Roschkowa gibt es im ukrainischen Sample keine weitere Person, die
davon erzählt, von der Deportation bis zum Ende des Krieges mit der gleichen Person
zusammen gewesen zu sein. Die Regel war, dass man Weggefährten bzw. Weggefähr-
tinnen im Laufe der Verfolgung und Verschleppung begegnete, dann aber auch wieder
von ihnen getrennt wurde.
Dominikija Skiba hatte eine solche Weggefährtin, mit der sie über zwei Jahre an
vier verschiedenen Orten verbrachte, bevor ihre Wege auseinandergingen. Sie war im
FrĂĽhjahr 1942 aus ihrem ukrainischen Heimatdorf nach Innsbruck deportiert worden
und leistete dort Zwangsarbeit auf einem Bauernhof, als sie sich mit der Zwangsarbei-
terin Anna Chatunzewa aus Lugansk (Luhansk) anfreundete, die als Putzfrau bei der
Polizei arbeitete.
«Na, diese Anja, sie hat ja Deutsch verstanden, ja, und ihr hat man dort offenbar einiges
anvertraut – Buchhaltung, Schreibmaschine und so weiter. Und an den freien Tagen hat sie/
hat sie mit der Schreibmaschine Passierscheine geschrieben. Wir wurden nirgendwo kont-
rolliert ! […] Sie hat dann ebendiese Passierscheine geschrieben, dann sind wir sogar bis zur
Schweizer Grenze gefahren, wir hatten immer davon geträumt, vorher.»86
Zusammen mit Anna Chatunzewa wird sie erwischt, als sie auf dem Postamt, wo sie
später arbeitete, versuchte, «zu erlauschen, wo unsere Truppen sind, wo sich die Un-
seren bewegen, wo sich was abspielt».87 Gemeinsam kamen sie ins Gestapogefängnis
von Innsbruck, wurden dort verhört und misshandelt. Von dort aus kamen sie zusam-
men ins Zwangsarbeitslager der Heinkel Flugzeugwerke Jenbach (Tirol), wo sie ein
Jahr arbeiteten, und dann wieder zusammen nach Ravensbrück, wo sie bis zum März
1945 blieben. Skiba berichtet über die Verhöre und Misshandlungen im Innsbrucker
Gestapogefängnis :
«Aber sie – wissen Sie, sie war so eine, wir haben uns gegenseitig moralisch unterstützt […].
Dann, als das Ganze vorbei war : ‹Wie war’s, Anetschka, hast du Angst gehabt ?› […] Sie hat
gesagt : ‹Ich kann nicht mehr aufstehen.› […] Wir haben uns gegenseitig erzählt, was [passiert
ist].»88
Chatunzewa war Skibas Vertrauensperson in der Fremde, der sie alles erzählen konnte
und die ihr alles erzählte. Dadurch war Skiba während der Verfolgung nicht allein,
sondern erlebte einen groĂźen Teil ihres Weges als einen gemeinsamen Weg, den sie mit
einem Menschen teilte, der für sie «wie eine Schwester» war. Darüber hinaus machte es
Chatunzewas Art, mit der Verfolgung umzugehen, auch fĂĽr Skiba leichter :
86 AMM, MSDP, OH/ZP1/482, Interview Skiba, Z. 662–675.
87 Ebd., Z. 691–695.
88 Ebd., Z. 718–735.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen