Seite - 370 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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370 | Imke Hansen
Auch wenn Wassili Kononenko letztlich nicht konkretisiert, was er seinen Zellenge-
nossen verdankt, liegt angesichts seines schlechten Zustands nach den Verhören nahe,
dass er sich durch deren SorgeÂ
– und vor allem durch das «KĂĽmmern» des LandsmannsÂ
–
besser davon erholte. Die Wortwahl «nur dank» suggeriert, dass sie ihm halfen, zu über-
leben. Viele Interviewte berichteten, dass sie temporären Weggefährten ihr Überleben
in einer bestimmten Situation oder Periode verdankten. Nadeschda Tereschtschenko
schildert eine solche lebensrettende UnterstĂĽtzung auf der letzten Etappe ihres Weges
nach Mauthausen, auf dem Todesmarsch von Auschwitz nach Mauthausen :
«Ich war schon ganz, ganz weit zurück hinter dem Trupp, ich und eine Frau, ich war schon
die zweite von hinten. Dann, als Panja und die Galja aus Petrikowka das sahen : ‹Oje, unsere
Nadka kommt nicht mit !› Und sie warteten ein wenig, fassten mich unter den Armen und
schoben mich, schoben mich an, und wir gingen weiter und weiter.»93
Angesichts der Tatsache, dass diejenigen, die auf dem Todesmarsch nicht mitkamen,
erschossen und am StraĂźenrand liegen gelassen wurden, haben die beiden Frauen Na-
deschda Tereschtschenko das Leben gerettet. Die Formulierung, die sie hier benutzt,
als sie sie zitiert – «unsere Nad’ka» –, weist darauf hin, dass zwischen den Frauen
ein Vertrauensverhältnis bestand. Die Episode ist besonders interessant, da Tereschts-
chenko an einer früheren Stelle im Interview, als sie zum Verhältnis zu ihren Bara-
ckengenossinnen in Auschwitz befragt wurde, antwortete, sie habe in Auschwitz keine
Freundschaften gehabt, da jeder «mit dem Überleben beschäftigt» gewesen sei, sie habe
noch nicht mal mit den anderen gesprochen.94 Dies kann als Hinweis auf den Gesamt-
eindruck vom Lager verstanden werden, den sie vermitteln will : ein furchtbarer Ort,
ohne positive BezĂĽge, also auch ohne Menschen, die ihr vertraut waren und geholfen
haben. Ihre Erzählung zeigt aber, dass sie auch dort Weggefährtinnen hatte, und zwar
solche, die während des Todesmarsches überlebenswichtig für sie waren.
Es war nicht ungewöhnlich, dass sich Häftlinge bereits vor der Ankunft in Mauthau-
sen kannten. Häufig bildeten sich auch unter diesen Weggefährten und Weggefährtin-
nen, die bereits ein Stück ihres Weges geteilt hatten, stärkere Bindungen, was wiede-
rum im Lageralltag helfen konnte. Der Zwangsarbeiter Bogdan Sidelnik etwa war aus
dem Deutschen Reich geflohen, auf tschechischem Gebiet gefasst und an die Gestapo
übergeben worden. Er saß mehrere Wochen im Gefängnis in Pardubitz (Pardubice), wo
er weitere Häftlinge kennenlernte, die teilweise auch bei Fluchtversuchen geschnappt
worden waren :
«In der Zelle waren schon alle, da waren zwei Polen, zwei Tschechen, 80 Kriegsgefangene wa-
ren da. Und ich mit ihnen zusammen. Und wir saßen in diesem Gefängnis. Da fütterten uns
93 AMM, MSDP, OH/ZP1/031, Interview Tereschtschenko, Z. 1379–1384.
94 Ebd., Z. 1068–1072.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen