Seite - 382 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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382 | Doris Felsen und Viviana Frenkel
dann nach Mauthausen und sukzessive Gusen gebracht, wo er bis zur Befreiung blieb.
Sehr aufschlussreich ist der Bericht seiner militärischen Erfahrungen an der jugo-
slawischen Front, wo er als junger Offizier sich der Absurdität dieses Krieges bewusst
wurde.
Aus der Gegend des Piemont kam hingegen Italo Tibaldi. In den letzten Jahren sei-
nes Lebens widmete er viel Zeit und Energie der Rekonstruktion des Eisenbahnnetzes,
über das die Gefangenen in die Lager transportiert wurden. Sein «Kalender» enthält
genaueste Angaben ĂĽber die monatliche Sequenz der Transportkonvois aus Italien und
fĂĽllte eine groĂźe ForschungslĂĽcke. In seinen Forschungsarbeiten werden die bĂĽrokrati-
schen und organisatorischen Strukturen der Deportationen sichtbar.14 Tibaldi wurde
als junger Partisan im Jänner 1944 in Turin verhaftet und nach Mauthausen gebracht.
Er verbrachte die lange Gefangenschaft im AuĂźenlager Ebensee bis zum Moment der
Befreiung, die in seiner Erinnerung unzertrennlich mit der Ankunft der Amerikaner
verbunden ist und ihrer ErschĂĽtterung ĂĽber das, was sie dort sahen.
Ein gänzlich anderer Fall sind Personen, die mehr oder weniger zum ersten Mal
im Rahmen des Interviews ihre Erinnerungen durch präzise Anhaltspunkte (Orte,
Daten, einzelne Ereignisse) strukturieren mussten und ihre Lebensgeschichte an-
hand der für sie wichtigsten Ereignisse erzählten. Dank der losen Erzählweise dieser
Personen entstand ein lebendiges Bild des Italiens der 1920er, 30er und 40er Jahre.
Bei jenen, die aus ärmlichen Verhältnissen und niederem sozialem Umfeld stamm-
ten, ĂĽberwogen die Erinnerungen an das groĂźe Elend in ihrer Kindheit und Jugend,
beispielsweise bei Rosario Militello (1925–2014) aus Süditalien und bei Alessandro
Scanagatti (Jahrgang 1927) aus der Mailänder Industriegegend («meine Kindheit war
wie ein Fegefeuer»).
Ähnlich erging es auch Slava Primozic (1917–2016) aus Görz (Gorizia), die bereits
als Kind – sie wurde 1917 während des Ersten Weltkriegs geboren – nicht nur mit
großem Elend konfrontiert wurde – die Erinnerung daran rührte sie immer noch zu
Tränen –, sondern auch mit der vom faschistischen Regime veranlassten Ausgrenzung
der slawisch sprechenden Bevölkerung, eine Ausgrenzung und Feindseligkeit, die sie
auch nach ihrer RĂĽckkehr weiterhin spĂĽren sollte. Weil sie fĂĽr den Widerstand eine
Sabba (Provinz Triest), mehrere AuĂźenlager auf, die auf dem Gebiet SĂĽdtirols verstreut waren. Es wurde
in ehemaligen Werkhallen einer Kaserne eingerichtet und ca. 11.100 Personen, hauptsächlich politische
Gegner, aber auch Juden und Roma wurden darin interniert. Der Großteil der Häftlinge wurde nach
Mauthausen deportiert, manche auch in andere Konzentrationslager. In den Außenlagern wurden Häft-
linge zur Zwangsarbeit eingesetzt. Wetzel, Italien, S. 298–303.
14 Italo Tibaldi : Calendario della deportazione politica e razziale italiana nei campi di eliminazione e ster-
minio nazisti (1943–1944–1945) [Kalender der politischen und rassischen Deportationen Italiens in die
nationalsozialistischen Vernichtungslager], o.O. [2003], URL : http://www.deportati.it/archivio-storico/
cal_gallery/ (29. 9. 2020) ; ders.: Compagni di viaggio. Dall’Italia ai lager nazisti. I «trasporti» dei depor-
tati 1943–1945 [Reisegefährten. Von Italien in die NS-Lager. Die «Transporte» der Deportierten 1943–
1945], Milano 1995, URL : http://www.deportati.it/biblioteca/librionline/libri_compagni/ (30. 9. 2020).
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen