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italienischer Deportierter nach Mauthausen |
«Da eben wurde dieser große Streik organisiert, der vor allem gegen den Krieg gerich
tet war,
als Motive wurden zwar Nahrungsmittelforderungen, Lohnforderungen genannt … aber die
wirkliche Forderung war eben einen Beitrag gegen diesen Krieg zu leisten …»21
Die streikenden Arbeiter forderten also «Brot und Frieden», und indem sie sich vom
faschistischen Krieg distanzierten, der ihnen ungerecht und falsch erschien, besiegel-
ten sie die Niederlage Mussolinis an der internen Front bereits vor seiner Absetzung.
Angelo beteiligte sich nur am ersten dieser Streiks, da er im August 1943 mit Typhus
ins Krankenhaus eingeliefert wurde und erst Anfang 1944 in die Fabrik zurückkehren
konnte.
In der Zwischenzeit war, nach dem Waffenstillstand mit den angloamerikanischen
Streitkräften, mit der Besetzung Norditaliens durch das Deutsche Reich und der Grün-
dung der Italienischen Sozialrepublik eine neue Phase eingeleitet worden. Signorelli
merkte sofort, dass die Lebensbedingungen der Arbeiter und ihrer Familien sich dra-
matisch verschlechtert hatten und auf das reine Überleben reduziert waren. Auch die
Arbeitsbedingungen hatten sich unter der deutschen Besatzung verschlimmert : Die
Arbeitsrhythmen wurden von den Deutschen intensiviert, um die Kriegsproduktion
zu erhöhen, und die Arbeitszeit wurde auf zehn und mehr Stunden angehoben. Am
1. März 1944 begannen die Arbeiter der norditalienischen Fabriken den Streik und
unterbrachen die Stromzufuhr in allen Hauptanlagen. Somit brachten sie die gesamte
Produktion zum Stillstand. Bis zum 8. März harrten die Arbeiter aller größeren Indus-
triebetriebe geschlossen aus und versetzten dem faschistischen Regime den Gna-
denstoß : «Dieser Streik dauerte auch wegen ihrer Schuld eine ganze Woche, die der
Faschisten und auch der Deutschen.» Am Eingang der Fabriken wurden bewaffnete
Soldaten aufgestellt, welche die Streikbrecher beschützen sollten ; dies brachte aller-
dings den gegenteiligen Effekt. Angelo Signorellis Bericht über diesen langen Streik ist
weder heroisch noch selbstherrlich :
«Wir hatten auch Angst, denn nach dem ersten Streiktag sind wir in die Pförtnerstube ge-
gangen und haben all diese Soldaten bewaffnet mit Maschinengewehren gesehen […], sie
dachten, dass so die Leute Angst bekommen und zur Arbeit gehen würden. Da hatten sie sich
aber gewaltig verrechnet […] wir sind hingegangen, und als wir die da sahen, bekamen wir es
mit der Angst zu tun und sind so wieder nach Hause gegangen. Ich glaube, dieser Streik hat
auch deswegen eine Woche lang gedauert.»22
Drei Tage nach Streikende wurden Angelo und sein Bruder Giuseppe mitten in der
Nacht in ihrem Haus von der faschistischen Miliz verhaftet und eingesperrt. Zusammen
mit ihnen wurden langjährige Antifaschisten verhaftet, jene, die unter Verdacht stan-
21 Ebd.
22 Ebd.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen