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394 | Doris Felsen und Viviana Frenkel
Dieses Rettungsnetz wurde zunächst von Martinis Vater selbst finanziert und in der
Folge zum Teil vom englischen Konsul in Lugano und zum Teil vom Vatikan über
Pater Cortese.47 Letzterer wurde denunziert und, von der Gestapo verhaftet, in Triest
zu Tode gefoltert. Liliana will mit ihrem Interview Pater Cortese ausdrücklich Tribut
zollen und dieser heroischen Figur eine bleibende Erinnerung verschaffen.
Liliana Martini engagierte sich nicht als Einzige : Die gesamte Familie Martini, vor
allem die Schwestern Teresa und Lidia, beteiligte sich auf die ein oder andere Art an
der Fluchthilfe, und die ältere Schwester Teresa verbrachte gemeinsam mit Liliana
die Gefangenschaft. Die Martini-Schwestern brachten den im Hinterland von Padua
versteckten Personen Zivilkleidung und falsche Dokumente und begleiteten sie im
Zug bis nach Mailand. Von dort gelangten sie nach Oggiono am Comer See, wo die
Flüchtenden von Schleppern empfangen und in die Schweiz gebracht wurden. Mehr
als 200 Personen konnten sich so in Sicherheit bringen. Der Einsatz Lilianas und ihrer
Schwestern zugunsten der alliierten Soldaten wurde nach dem Krieg durch den bri-
tischen Feldmarschall Harold R. Alexander ausgezeichnet, wie der Historiker Roger
Absalom ausführlich berichtet.48
Die tragende Rolle der Martini-Schwestern und vieler anderer Frauen innerhalb
dieser «Rettungskette» zeugt von der fundamentalen Bedeutung von Frauen im orga-
nisierten Widerstand, wie auch Liliana in späteren Aussagen unterstreicht : «Die di-
rekte Beteiligung dieser von idealistischen Beweggründen angetriebenen Frauen […]
war ein essenzieller Beitrag zum Freiheitskampf.»49 Das religiöse Element spielte bei
Lilianas Entscheidungen eine tragende Rolle :
«Ich kann getrost sagen, dass unsere Widerstandstätigkeit eine direkte Folge der Erziehung
war, die wir in der Familie und der Pfarrei genossen haben. Wir beteiligten uns nämlich alle
an diesem Plan […], weil wir durch christliche Barmherzigkeit bewegt waren.» Und nach so
langer Zeit kann sie bestätigen, «die richtige Wahl getroffen zu haben».50
Untergrundorganisation rekonstruiert wird, die auch nach der Verhaftung der Martini-Schwestern und
von Pater Cortese ihre Aktivitäten weiterführte.
47 Zur historischen Debatte um die Rolle der Kirche in den Jahren 1943–1945 und die Aktivitäten von
Priestern und Ordensgeistlichen in der Region Venetien vgl. Bellina/Saga, Tra la città di Dio, S. 240, sowie
Martini, Catena di salvezza, S. 15–16.
48 Der Text der Originalurkunde im Besitz von Liliana Martini lautet : «This certificate is awarded to Mar-
tini Carla Liliana as a token of gratitude for and appreciation of the help given to the Sailors, Soldiers
and Airmen of the British Commonwealth of Nations, which enabled them to escape from, or evade cap-
ture by the enemy. H. R. Alexander Field Marshal Supreme Allied Commander Mediterranean Theatre
1939–1945.» Vgl. Roger Absalom : A Strange Alliance. Aspects of Escape and Survival in Italy 1943–1945,
Firenze 1991, S. 105–106.
49 Martini, Catena di salvezza, S. 23.
50 Ebd., S. 19–20.
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen