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416 | Hana Kubátová
Grund für das Treffen war der Unmut des Deutschen Reichs insbesondere über zwei
Positionen der slowakischen Politik : die schleppende Erledigung der Judenfrage und
die Bemühungen von Innen- und Außenminister Ferdinand Ďurčanský um eine
eigen
ständigere Außenpolitik. Die Verhandlungen endeten mit zwei wesentlichen Be-
schlüssen : Umbildung der Regierung und Einführung des sogenannten slowakischen
(bzw. christlichen) Nationalsozialismus. Ersteres hatte nicht nur die Entfernung
Ďurčanskýs aus der slowakischen Innenpolitik zur Folge, sondern auch die Stärkung
der Position der Radikalen in der Regierung. Mit der Leitung des Außenministeriums
wurde zusätzlich zu seinem Amt Ministerpräsident Vojtech Tuka betraut, neuer In-
nenminister wurde Alexander Mach, der designierte Führer der Hlinka-Garde.51 Von
größerer Tragweite war freilich die damit einhergehende Transformation des Regimes.
Die Radikalen verbanden mit der Einführung eines slowakischen Nationalsozialismus
die Hoffnung auf «beschleunigte Erledigung aller anstehenden Aufgaben. Und da vor
allem des drängendsten Problems – der Judenfrage. Hier wurde bis vor kurzem lang-
sam, zögerlich, mit allerhand Tricksereien zu Werk gegangen. Heute sehen wir das
neue Tempo, den frischen Schwung auch in dieser Frage.»52
Als Reaktion auf den Verlust wichtiger Regierungsposten übernahm der konserva-
tive Flügel von den Radikalen nicht nur «die Mittel, sondern zum Teil auch die Ziele. In
Kombination mit dem Wechsel an der Spitze der konservativen Katholiken führten die
Aktionen der Radikalen zur systematischen Transformation des Regimes.»53
Den neuen totalitären Kurs bekamen insbesondere die «inneren Feinde» des Staats,
insbesondere die Juden und die politisch Unzuverlässigen, wer auch immer damit
gemeint war, zu spüren. Im Geiste der Salzburger Verhandlungen verabschiedete die
Regierung im November 1940 ihr zweites, verschärftes «Arisierungsgesetz» (das erste
stammte vom April 1940 und war lediglich drei Monate in Kraft), das auf «den Aus-
schluss von Juden und jüdischen Verbänden aus dem ökonomischen und gesellschaft-
lichen Leben der Slowakei» entweder durch Liquidation von Betrieben in jüdischem
Besitz oder deren Übertragung an Nichtjuden zielte. In der Folge wurden von ca.
12.000 jüdischen Betrieben über 10.000 aufgelöst, der Rest, etwa 2200, wurde arisiert.
Doch die Enteignung der Juden war nicht «nur» ein Angriff auf ihre staatsbürgerlichen
Rechte : Als direkte Konsequenz sämtlicher dieser gegen sie gerichteten Maßnahmen,
einschließlich der Arisierung, stand die jüdische Bevölkerung plötzlich als «äußerst
lästige Bürde und soziales Problem» für den Staat da.54 Dessen zynische Antwort auf
die selbstgeschaffene Problemlage bestand in der Außerlandesbringung der Juden.
Dem vorausgegangen war der Erlass des berüchtigten «Judenkodex» (Židovský kódex)
–
offiziell «Vorschrift Nr. 198/1941 zur rechtlichen Stellung der Juden» – am 9. Septem-
51 Kamenec, Po stopách tragédie, S. 83.
52 Gardista (19. 9. 1940), S. 3.
53 Kopeček, Demokracie, diktatury a politické stranictví na Slovensku, S. 92.
54 Kamenec, Po stopách tragédie, S. 119.
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen