Seite - 420 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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420 | Hana Kubátová
angeführte Regierung sank völlig zum Erfüllungsgehilfen der deutschen Schutzmacht
herab. Die Propaganda rief dazu auf, die Beteiligten des Aufstands zur Verantwortung
zu ziehen und als das zu sehen, was sie seien, nämlich – so die Zeitung «Slovák» von
September 1944 – «Feinde der Unabhängigkeit der slowakischen Nation, Feinde und
Mörder der Slowakischen Republik. Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns, und so soll er
auch beurteilt werden. Für Sentimentalität ist hier kein Platz.»70
Für die verbliebene jüdische Minderheit ging die Besetzung des Landes natürlich
mit weiteren unmittelbaren Bedrohungen einher. Den einst von den slowakischen
Behörden den Juden zugestandenen Ausnahmebestimmungen maßen die Deutschen
keinerlei Bedeutung bei, rasch wurden die Verhaftungen und Deportationen wieder
aufgenommen. Bereits im September 1944 waren im Lager Sered’ ca. 1400 Juden inter-
niert, und die Zahl stieg unaufhörlich an. Die überwältigende Mehrheit der im Zuge
der erneuten Deportationswelle zwischen September 1944 und März 1945 in Lager
verbrachten Juden (Schätzungen zufolge waren es 10.000 von insgesamt 13.500) sollte
nicht mehr zurückkehren.71
Bereits während des Aufstands und dann nach seiner Niederschlagung erließ die
Regierung eine Reihe von Gesetzen, die ein strengeres Vorgehen gegen staatsfeindli-
che Handlungen ermöglichten. Auf unerlaubten Waffenbesitz stand nunmehr die To-
desstrafe, fünfzehn Jahre Haft drohten dem, der Staatsfeinden Unterschlupf gewährte.
Freilich waren diese Normen, wie Jan Rychlík anmerkt, «in der Praxis nicht mehr von
Bedeutung, da in weiten Teilen des Landes die außergerichtliche Bestrafung überwog.
Gefangen genommene Partisanen, Aufständische und Juden wurden von der deut-
schen Armee oder den Spezialeinheiten der [Hlinka-Garde] generell ohne Gerichts-
verfahren und ohne gesetzliche Grundlage liquidiert. Am drastischsten zeigte sich die
Verachtung für das geschriebene Gesetz in den Massenexekutionen von Kremnička,
wo Häftlinge des Gefängnisses am Landgericht in Banská Bystrica ohne Prozess er-
schossen wurden.»72
In meinen bisherigen Ausführungen ging es mir darum, die Dynamik des Wandels
aufzuzeigen, den das Regime im Laufe seines Bestehens durchmachte, und darzule-
gen, wie sich diese auch in der Politik gegenüber jenen, die nicht in die neue Ordnung
passten, niederschlug : Während die staatlich geförderte antitschechische Phobie in
Säuberungen ausartete, die in Massenemigration mündeten, ging die Radikalisierung
der antijüdischen Maßnahmen graduell vonstatten – von der Einführung eines Nume-
rus clausus bis zur Deportation von zwei Dritteln der jüdischen Vorkriegsbevölkerung.
Was den Umgang mit politischen Gegnern betraf, so wurden die vormals relativ mil-
kého národného povstania, 1944–1945 [Stimmungslage und Haltung der slowakischen Öffentlichkeit zur
sogenannten Judenfrage nach der Niederschlagung des Slowakischen Nationalaufstands 1944–1945], in :
Acta Universitatis Carolinae. Studia territorialia 10.2 (2010), S. 69–93.
70 Slovák (2. 9. 1944), S. 3.
71 Kamenec, Po stopách tragédie, S. 271.
72 Rychlík, Perzekúcia odporcov režimu, S. 132.
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen