Seite - 429 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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429«Burschen,
ihr fahrt in das schlimmste Lager !» |
«[D]a ich wusste, dass ich Folter nicht durchhalten würde […], entschied ich mich für die
Taktik des vollen Geständnisses, das sollten jedenfalls sie glauben. Ich gestand alles, was sie
von mir hören wollten. Andererseits war ich sicher, dass es Dinge gab, von denen nur ich
wissen konnte […]. Davon habe ich niemandem jemals etwas erzählt.»113
Schluss
Bei dem ĂĽberwiegenden Teil der im Lager Mauthausen internierten Slowaken handelte
es sich um Gefangene, die von der Regierung im Februar 1945 an die Gestapo ausgelie-
fert wurdenÂ
– als politische Gegner, Juden und Nichtjuden, die sich dem Slowakischen
Nationalaufstand im Oktober 1944 angeschlossen hatten. AuĂźerdem kam es zur De-
portation von Männern, die sich dem Wehrdienst zu entziehen suchten, oder slowaki-
schen Roma, die vereinzelt vermutlich bereits 1943 deportiert wurden.
Die nach Mauthausen ĂĽberstellten Juden waren in der Regel Gefangene, die aus
der Slowakei ursprĂĽnglich in die Konzentrations-, Vernichtungs- und Arbeitslager im
besetzten Polen oder im Reich verbracht worden waren, die dann angesichts der nä-
her rückenden alliierten Truppen evakuiert wurden. Viele von ihnen waren – vor der
zumeist kurzen Inhaftierung in Auschwitz oder, seltener, in Sachsenhausen – in jüdi-
schen Arbeitslagern in der Slowakei interniert gewesen ; einige jĂĽdische Frauen hatten
auch das Arbeitslager Freiberg durchlaufen.
Wie ich anhand der Zeugenberichte von Otto Wagner, Pavel Branko, Ján Šagát und
anderer nachweisen konnte, beruhte die Identifizierung bzw. Kategorisierung eines
Menschen als politischer Gefangener und/oder Jude keineswegs auf Eindeutigkeit – in
der Tat handelte es sich hierbei oft um reine BehördenwillkĂĽr. Weiters konnte ichÂ
– im
Rahmen meiner Analyse des Regimes des Slowakischen Staats und seiner Transforma-
tionen – zeigen, dass die Stigmatisierung und damit der Ausschluss bestimmter Grup-
pen (namentlich der Juden, Tschechen und all jener, die nunmehr als politisch unzu-
verlässig galten) aus dem Gesellschafts- und Wirtschaftsleben der Slowakei bereits im
Moment der Erlangung des Autonomiestatus begannen und nach den deutsch-slowa-
kischen Verhandlungen in Salzburg im Jahr 1940 dramatisch zunahmen. Und schlieĂź-
lich legen die Lebensgeschichten von Otto Wagner, Pavel Branko und Ján Šagát – im
Lichte der Politik des autoritären Regimes betrachtetÂ
– nicht nur die Problematik offen,
die der Versuch in sich birgt, ein individuelles Leben in Begriffe zu fassen, sondern
zeugen auch von der Bedingtheit und Abhängigkeit von Kategorien wie «Opfer», «Tä-
ter» und (unbeteiligter) «Zuschauer» zu Zeiten des Holocaust und des Zweiten Welt-
kriegs im Allgemeinen.
113 AMM, MSDP, OH/ZP1/352, Interview Branko.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen