Seite - 432 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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432 | Regina Fritz
In der ungarischen Erinnerungskultur standen diese ersten Transporte lange Zeit
im Zentrum des Gedenkens an Mauthausen, das als ein Lager betrachtet wurde, in
dem vor allem ungarische politische Häftlinge festgehalten wurden. Erst in den letzten
Jahren rückte jene besondere Rolle in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen und ge-
schichtspolitischen Interesses, die Mauthausen in der Verfolgungsgeschichte der Juden
aus Ungarn spielte. Obwohl dem Lager nach der Besetzung Ungarns durch deutsche
Truppen bei den geplanten Deportationsmaßnahmen zunächst keine zentrale Bedeu-
tung zugewiesen worden war, wurde es in der letzten Kriegsphase zu einem wichtigen
Evakuierungsziel aus anderen Lagern. So befanden sich zum Zeitpunkt der Befreiung
im Mai 1945 mehrere Zehntausend ungarische jüdische Überlebende im KZ-Komplex
Mauthausen. Das Schicksal dieser Häftlinge, die seit Sommer 1944 und vermehrt seit
Frühjahr 1945 meist in einem sehr schlechten körperlichen Zustand in der chaoti-
schen letzten Kriegsphase in Mauthausen ankamen, unterschied sich in vielerlei Hin-
sicht von jenem der politischen Häftlinge aus Ungarn, die bereits im Frühjahr 1944 in
Mauthausen eintrafen und im Stammlager untergebracht wurden.
Der folgende Beitrag geht daher nicht nur der Frage nach, welche Wege und Weg-
gabelungen ungarische Deportierte nach Mauthausen führten, sondern analysiert
auch die Auswirkungen des Zeitpunkts der Ankunft, des Unterbringungsorts und
sozialer Aspekte auf Überleben und Lageralltag. Um Lücken im Quellenkorpus zu
schließen,3 werden dabei für die Analyse neben jenen Interviews, die kurz nach der
Jahrtausendwende im Rahmen des Mauthausen Survivors Documentation Project mit
ungarischen Überlebenden geführt wurden, auch zeitgenössische bzw. kurz nach der
Befreiung entstandene schriftliche Egodokumente herangezogen, wie Tagebücher und
Autobio grafien. Einen besonders wertvollen Bestand stellen dabei jene Protokolle dar,
die das Landesfürsorgekomitee der Deportierten (DEGOB) zwischen März 1945 und
Juni 1946 mit Personen aufnahm, die nach Ungarn zurückgekehrt waren.4 Diese Quel-
der Freiheitspartei. Léo Goldberger (1878–1945) war Textilfabrikant und -exporteur und Mitglied des
Oberhauses. Er starb am 5. Mai 1945 nach der Befreiung Mauthausens. Móric Kornfeld (1882–1967),
Großindustrieller und Philanthrop, war seit 1927 ebenfalls Mitglied des Oberhauses.
3 So wurden im Rahmen des Mauthausen Survivors Documentation Project ausschließlich Interviews mit
jüdischen Überlebenden geführt ; die Gruppe der politisch Inhaftierten wird im Quellenkorpus nicht
repräsentiert. Lediglich das Interview mit Pál Ferenczi bildet hier eine Ausnahme, doch auch er war
jüdischer Abstammung und wurde in Mauthausen von seinen nichtjüdischen Kameraden getrennt un-
tergebracht.
4 Zur Geschichte der DEGOB siehe Rita Horváth : A Magyarországi Zsidó Deportáltakat Gondozó Or-
szágos Bizottsága (DEGOB) története [Die Geschichte des Landesfürsorgekomitees der Deportierten
(DEGOB)], Budapest 1997 (Makor, 1), und Gábor Murányi : «Hallottam, amikor azt válaszolta : Alles ins
Gas !» A Deportáltakat Gondozó Bizottság jegyzőkönyvei 1945-ből [«Ich habe gehört, als er geantwortet
hat : Alles ins Gas !» Die Protokolle des Landesfürsorgekomitees der Deportierten], in : Phralipe 11–12
(1990), S. 32–41 ; vgl. auch Regina Fritz : Nach Krieg und Judenmord. Ungarns Geschichtspolitik seit
1944, Göttingen 2012, S. 92–95, sowie Ferenc Laczó : «I could hardly wait to get out of this camp even
though I knew it would only get worse until liberation came». On Hungarian Jewish Accounts of the
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen