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Deportiert nach Mauthausen, Band 2
Seite - 437 -
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437«Dieser Weg war vielleicht mein furchtbarstes Erlebnis.» | Großteil der restlichen Häftlinge im Lagerkomplex Mauthausen. Dies lag auch an der veränderten allgemeinen Lage in Mauthausen. «Man sagte uns, dass ungefähr seit der Zeit, in welcher wir nach Mauthausen kamen, das Lager tatsächlich in einem anderen, milderen Geiste geführt werde»18, erinnerte sich Gratz und führte dies auf den allge- meinen Arbeitskräftemangel im Deutschen Reich und auf die daraus entstandenen Ab- hängigkeiten von der Leistungsfähigkeit der Konzentrationslagerhäftlinge zurück. Tat- sächlich brachten der Bedeutungszuwachs der Zwangsarbeit im Deutschen Reich und der damit einhergehende Funktionswandel der Lager eine für viele Häftlinge spürbare Veränderung der Lebensbedingungen im Lager mit sich. So erinnert sich auch Pál Fe- renczi, der als Mitglied einer linken politischen Gruppierung mit dem gleichen Trans- port wie Gratz in Mauthausen eintraf, in seinem im Jahr 2002 geführten Interview : «Sie haben gesagt, wir wären in ein Sanatorium geraten. Das sagten die Alten. Dass/ Was wisst ihr schon, was Mauthausen früher war ! Das ist bereits ein Sanatorium !»19 Der in einer neologen20 Familie aufgewachsene Ferenczi war einer der wenigen jüdischen Häftlinge, die trotz ihrer Abstammung besondere Begünstigungen erhiel- ten. Lebensrettend erwies sich für Ferenczi der Grund seiner Verhaftung, die nicht aus rassistischen, sondern aus politischen Gründen erfolgte. Ferenczi hatte in sei- nem Geburtsort Sajószentpéter eine jüdische Schule besucht und mit 15  Jahren in der nahe gelegenen Stadt Miskolc eine Lehrlingsausbildung in einem Modesalon für Frauen begonnen. Bald zog er nach Budapest um, wo er seine Ausbildung fortführte und Mitglied einer Gewerkschaft wurde. Als solches nahm er am 15. März 1942 an einer der größten antifaschistischen Antikriegsdemonstrationen in Budapest teil und schloss sich schließlich dem Szalmás-Chor an, einer Kulturorganisation der Kommu- nistischen Partei Ungarns. Nach der deutschen Besatzung beschloss er, zusammen mit einigen Kameraden der Einberufung zum Arbeitsdienst zuvorzukommen und nach Jugoslawien zu flüchten, wo er sich Titos Partisanenarmee anschließen wollte. Der Plan missglückte und Ferenczi wurde am 19. April 1944 in seiner Wohnung verhaftet. Über verschiedene ungarische Gefängnisse und das Arbeitserziehungslager Oberlanzendorf kam er Anfang Mai 1945 in Mauthausen an. Als Häftling, der aus politischen Gründen in Mauthausen inhaftiert wurde, teilte Ferenczi zahlreiche Privilegien mit jener Gruppe einflussreicher und vermögender Un- garn, die vorwiegend als Geiseln im Frühjahr 1944 verschleppt worden waren : 18 Ebd., S. 585. 19 AMM, MSDP, OH/ZP1/163, Interview mit Pál Ferenczi, Interviewerin : Júlia Vajda, Budapest, 31. 10. 2002. 20 Während des israelitischen Landeskongresses von 1868/69 brach das Judentum in Ungarn in eine reform- orientiert-neologe, eine konservativ-orthodoxe und eine gemäßigt-traditionstreue («Status quo ante») Strömung auseinander. Die neologen Gemeinden führten Reformen durch, gaben die orthodoxen Klei- dungsvorschriften auf und passten sich in vielen Bereichen der nichtjüdischen Bevölkerung an. Die Or- thodoxie hingegen bewahrte ihre traditionellen Regeln sowie ihre kulturelle Identität. Die Status-quo- ante-Gemeinden positionierten sich nicht eindeutig und schlossen sich weder der Orthodoxie noch den neologen Gemeinden an. Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen Band 2
Titel
Deportiert nach Mauthausen
Band
2
Autoren
Gerhard Botz
Alexander Prenninger
Regina Fritz
Herausgeber
Melanie Dejnega
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2021
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-21216-4
Abmessungen
16.8 x 23.7 cm
Seiten
716
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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