Seite - 444 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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444 | Regina Fritz
stuften Frauen und Männer aus Budapest per Zug nur noch eingeschränkt möglich.
Daher wurden sie großteils zu Fuß in Richtung «Ostmark» getrieben. Zeitgenössische
Quellen gehen davon aus, dass jeder Fünfte der Verschleppten an den Strapazen dieser
Fußmärsche starb oder erschossen wurde.41 Die schlechte körperliche Verfassung der
an der österreichischen Grenze Angekommenen führte sogar wegen der daraus resul-
tierenden mangelnden Arbeitsfähigkeit auf deutscher Seite zu Protesten.42 So merkte
der stellvertretende Leiter des Volksbunds der Deutschen in Ungarn, Georg Gold-
schmidt, an, «daß die jüdischen Frauen, die im Westen Ungarns zu Schanzarbeiten
herangezogen werden sollen, nach einem 8–10 tägigen Fußmarsch für diese Arbeiten
ganz ungeeignet sein werden».43
Ein Teil der an der österreichisch-ungarischen Grenze an die SS übergebenen Juden
wurde in Konzentrationslagern, darunter in den Außenlagern von Mauthausen, ein
anderer Teil in österreichischen Industriebetrieben zur Zwangsarbeit eingesetzt. Die
restlichen Frauen und Männer wurden beim Bau des Südostwalls zur Arbeit gezwun-
gen. Die Lebensbedingungen in den Südostwall-Lagern waren besonders katastrophal.
Der ungarische Historiker Szabolcs Szita geht davon aus, dass 13.500 bis 15.000 der
hier eingesetzten ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter an den Folgen von Hunger, Er-
schöpfung und Krankheiten starben oder von den Wachen ermordet wurden.44 Gábor
Bán, der im Südostwall-Lager Fertőrákos Zwangsarbeit leisten musste, erlebte die Zeit
hier als einen massiven Bruch in seiner bisherigen Lebensgeschichte und als Anfangs-
punkt eines neuen Zeitabschnitts :
«Und sie brachten uns zur österreichisch-ungarischen Grenze, beziehungsweise zur damaligen
Zeit zur deutsch-ungarischen Grenze, ich kam nach Fertőrákos, […] und eigentlich begann
damals die schreckliche Zeit. […] In Fertőrákos, das war schon ein deutsches Lager, äh, trieben
sie uns von früh bis spät zur Arbeit an, die Nahrungsversorgung, also ich kann mich gar nicht
mehr erinnern, aber es gab sicher etwas Kleines. Wir haben in so einem scheuneähnlichen
Gebäude gewohnt, zumindest ich, das kein Dach/, also wenn es regnete, dann regte es in das
Gebäude hinein […]. Zu Neujahr, eigentlich zu Silvester gab es eine schlimme Sache. Es gab
auch ungarische Soldaten in Fertőrákos. Und scheinbar betranken sie sich zur Feier des Ta-
ges und zündeten ein Gebäude mit Strohdach an, wo auch jüdische Deportierte waren, dann
schossen sie wild um sich und befahlen uns, dass wir das Feuer löschen sollen. Jetzt gab es eine
Möglichkeit, einen Brunnen, so einen zum Drücken, ein Brunnen mit einer Pumpe, welcher
auf einem Hügel stand und ganz gefroren war, der Aufgang zum Hügel war ganz eisig […]. Je-
der, der ausrutschte, wurde erschossen. Also ich bin zwar nicht ausgerutscht, aber sie schossen
41 Gerlach/Aly, Das letzte Kapitel, S. 360.
42 Vgl. z. B. den Bericht von Edmund Veesenmayer an das Auswärtige Amt vom 21. 11. 1944, abgedruckt in
Braham (Hg.), The Destruction of Hungarian Jewry, S. 532 f.
43 Aufzeichnung, gez. Dr. Goldschmidt, Berlin, vom 1. 12. 1944, PA AA, 100409.
44 Vgl. Szabolcs Szita : Die Todesmärsche der Budapester Juden im November 1944 nach Hegyeshalom-
Nickelsdorf, in : zeitgeschichte 22.3–4 (1995), S. 124–137, hier 124.
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen