Seite - 471 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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lange Weg |
den die ungarischen Jüdinnen und Juden am 16., 26. und 28. April 1945 über Enns,
Asten, St. Florian, Ansfelden, Schleißheim und Wels nach Gunskirchen getrieben. Die
Schätzungen der Todesopfer beläuft sich auf bis zu 6000, wovon allein auf den ersten
vier von 55 Kilometern 800 Menschen erschossen worden sein sollen.51 Der ungari-
sche Historiker Szabolcs Szita schätzt die Zahl der Toten gar auf 8000 bis 10.000 ; sie
starben aus Entkräftung oder wurden von den begleitenden Wachmannschaften (vor-
wiegend Angehörige des Volkssturms und teils der Hitlerjugend) ermordet.52 Wie viele
Frauen unter den Toten waren, lässt sich ebenfalls nur schwer sagen, es ist jedoch von
weit mehr als von bislang geschätzten 400 Frauen auszugehen.53
Ein großer Evakuierungstransport erreichte Mauthausen am 29. April 1945 aus
den Flossenbürger Außenlagern Freiberg und Venusberg, insgesamt fast 2000 jüdi-
sche Frauen. Hans Maršálek54 beziffert die aus Freiberg kommenden Frauen mit 397 ;
Baumgartner55 meint, dass gar nur 120 bis 200 von insgesamt 600 überstellten Frauen
aus Freiberg und Venusberg in Mauthausen angekommen seien.56 Neuere Forschun-
gen von Pascal Cziborra belegen jedoch, dass ein Großteil der Frauen, wenn auch in
einem sehr schlechten gesundheitlichen Zustand, Mauthausen lebend erreichte.57 Von
den 975 Frauen aus Freiberg kamen ca. 925 in Mauthausen an.58 Die Angaben der zu
beklagenden Toten des Venusberger Transports streuen bislang mit 15 bis 75 Prozent
sehr breit.59 Doch auch hier konnte Cziborra nachweisen, dass der Großteil der Frauen
aus Venusberg in Mauthausen lebend angekommen ist und dort auch die Befreiung er-
lebte. Demnach wurden mindestens 1500 der annähernd 2000 Jüdinnen aus den Flos-
senbürger Außenlagern Venusberg und Freiberg im KZ Mauthausen befreit.60
Dieser Transport ist aus verschiedenen Gründen den Überlebenden in bleibender
Erinnerung
– wegen der extrem langen Dauer, der auf dem Transport stattgefundenen
Entbindungen, der Hilfsbereitschaft der tschechischen Bevölkerung, der Flucht von
51 Lappin, Todesmärsche ungarischer Juden. Lappin bezieht sich mehrmals auf Ausführungen von Peter
Kammerstätter : Der Todesmarsch ungarischer Juden vom KZ Mauthausen nach Gunskirchen, April
1945. Eine Materialsammlung mit Bildern, unveröff. Typoskript, Linz 1971.
52 Szita, Verfolgung – Zwangsarbeit in Burgenland, S. 12 ; Lappin, Todesmärsche ungarischer Juden.
Zwei der interviewten Frauen im MSDP-Sample kamen auf diesen Todesmärschen nach Mauthausen :
Andorné Ráskai von Harka (Harkau) über Mauthausen nach Gunskirchen ; Anne Borsanyi von Viehofen
nach Mauthausen und Gunskirchen ; ihre Erzählungen über den Todesmarsch sind leider sehr spärlich,
Borsanyi hat keinerlei Erinnerungen an den Todesmarsch.
53 Mündliche Auskunft von Eleonore Lappin, Institut für jüdische Geschichte Österreichs, Frühjahr 2006.
54 Maršálek, Geschichte, S. 167 f.
55 Baumgartner, Die vergessenen Frauen, S. 198 und 218.
56 Hier wurde also von einer bereits viel zu geringen Anzahl an Frauen, die von Freiberg bzw. Venusberg
Richtung Mauthausen verfrachtet wurden, ausgegangen.
57 Vgl. Cziborra, KZ Freiberg, S. 71–126 ; ders., KZ Venusberg, S. 76–130.
58 Cziborra, KZ Freiberg, S. 96.
59 Cziborra, KZ Venusberg, S. 105.
60 Vgl. Schriftverkehr von Helga Amesberger mit Pascal Cziborra, 25. Aug. 2015.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen