Seite - 475 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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lange Weg |
hatte, was sie wusste, und dann selbstverständlich, weil wir unvorsichtig waren und weil wir
uns aller Risiken nicht bewusst waren und weil wir/wir im Alltag vergaßen, dass wir fortwäh-
rend in Gefahr waren.»70
Unerfahrenheit und das Bedürfnis, sich abzusprechen, die Aussagen aufeinander ab-
zustimmen, weil ein Freund aus der Widerstandsgruppe verhaftet worden war, dürften
im Fall von Eva Lukash zur Festnahme der restlichen vier Mitglieder ihrer Gruppe
geführt haben. Sie und ihre Freundinnen wurden zunächst zur Gestapo gebracht, dann
in ein weiteres Gefängnis in Prag und schließlich nach Theresienstadt in die Kleine
Festung. Wenige Wochen später wurden sie zum Versammlungsplatz nach Prag für
den Transport ins Ghetto Theresienstadt geführt.71
Auf die Frage der Interviewerin, ob es angesichts der Deportationen zu Hause so
etwas wie Hysterie gegeben habe, antwortet Aviva Goldshtayn : «Die Sachen waren
gepackt.»72 Dieser Satz dürfte die Situation vieler der interviewten Jüdinnen treffend
beschreiben. Antisemitische Gesetze, das Schulverbot, das verpflichtende Tragen des
Judensterns, Berufsverbote, die Ghettoisierung, der Zwangsarbeitsdienst, die kontinu-
ierlichen Deportationen und vieles mehr ließen viele zu Recht das Schlimmste be-
fürchten. Und auch entsprechende Vorkehrungen treffen oder zumindest versuchen,
sich der Verfolgung zu entziehen. Oftmals erfolglos : Die Schwestern Hava Livni und
Aviva Goldshtayn wurden festgenommen, als sie eines Nachts gemeinsam mit ihren
Eltern das Versteck im Keller einer befreundeten Familie verließen :
«Das Gefühl – wir waren verloren. Wir waren nach Hause zurückgekehrt und das war ver-
passt. Wir hätten nicht zurückkehren sollen. Weil wir im Versteck hätten bleiben können.
Vielleicht hätten sie uns gefasst, ja, irgendwann, aber nicht in dieser Nacht.»73
Dies ist lediglich ein kleines Spektrum an Verhaftungsumständen und -situationen.
Vielfach wurden die Frauen erst aufgrund der Denunziation durch Nachbarn, Ar-
beitgeber oder scheinbare Mitstreiter, also eingeschleuste Spitzel in der Widerstands-
gruppe, gefasst. Die Verhaftungen wurden von Angehörigen der Gestapo, der Feldgen-
darmerie, der Polizei oder von durch die interviewten Frauen nicht näher definierte
Polizisten durchgeführt.
70 AMM, MSDP, OH/ZP1/331, Interview Guillemot.
71 AMM, MSDP, OH/ZP1/033, Interview mit Eva Lukash geb. Kral, Interviewerin : Keren Harazi, Beit Izhak,
10. 1. 2003.
72 AMM, MSDP, OH/ZP1/704, Interview Livni.
73 Ebd.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen