Seite - 485 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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485Der
lange Weg |
Zwischen Hier und Dort – die Exterritorialisierung des Lagers
Bei einer durchschnittlichen Gesamtinhaftierungszeit von zwei Jahren war die Ver-
weildauer in einem Konzentrationslager für viele der interviewten Frauen relativ kurz,
manchmal nur einige Tage bis Wochen, für andere einige Monate. In den meisten
Fällen bedeutete ein Ortswechsel für die Frauen Ungewissheit, Unsicherheit und die
Zerstörung sozialer Netze, die man sich in der Zwischenzeit aufgebaut hatte. All dies
zusammen erzeugte Angst, wie Nadeschda Bulawa erzählt :
«Ab ging’s, [in Waggons] vernagelt und verschlossen. Da stand gleich der Notdurftkübel, aber
danach durfte man auf diesen Kübel nicht mehr gehen, nichts durfte man. Alle waren ver-
ängstigt : Wohin werden sie uns fahren, was wird mit uns sein ? Sie haben uns nach Deutsch-
land gefahren.»91
Die Überstellung von Gefängnis zu Gefängnis, von Konzentrationslager zu Konzent-
rationslager verlangte von den Frauen die Fähigkeit, sich an immer wieder neue Ge-
gebenheiten rasch anzupassen, sich in die neue Umgebung einzufinden und vor allem
neue Freundschaften zu knüpfen. Helga Weissová-Hošková erzählt eindringlich, wie
sehr solche Überstellungen eine Frage von Leben und Tod sein konnten :
«Und daran erinnere ich mich wieder, weil wir in Fünferreihen gingen, und jetzt mussten alle
in die Waggons und jetzt hatte ich wieder Angst, ob ich mit Mama zusammenbleiben werde
und irgendwie ist es sich ausgegangen und jetzt waren wir nicht in derselben Fünferreihe.
Und wieder konnte es passieren, weil dieser Zug wieder fuhr, wieder stehen blieb, wieder ha-
ben sie uns neu gereiht, [betont] aber das wusste freilich niemand. Also zusammen bleiben/
aber niemand wollte seinen Platz […] tauschen, denn das war ein Lottoeinsatz, weil dieser
Platz [setzt hinzu], alle diese Plätze furchtbar waren, aber mancher war ein bisschen erträgli-
cher und ein anderer schlimmer und sie zu tauschen, das waren Fragen von Leben und Tod.
Also wir gingen und wir waren nicht in derselben Fünferreihe, wir waren hintereinander, aber
wir kamen in denselben Waggon.»92
Die Menschen befanden sich in einer Zwischenwelt, einer liminalen Phase, in der viele
bislang gültige Regeln nicht mehr galten und die zukünftigen Strukturen und Ordnun-
gen noch ungewiss waren, um schließlich und punktuell immer wieder dem Terror
der Hetze unterzogen zu werden.93 Selbst diese Zeitordnung der Bewegung von einem
91 AMM, MSDP, OH/ZP1/152, Interview Bulawa.
92 AMM, MSDP, OH/ZP1/812, Interview mit Helga Weissová-Hošková, Interviewerin : Jana Drdlová, Prag,
22. 2. 2003.
93 Zum Begriff «liminal» siehe Victor Turner : Das Ritual. Struktur und Anti-Struktur, Frankfurt a. M. 2000
[1969], v. a. Kap. 3. Turner definiert Liminalität als einen Schwellenzustand, ein Niemandsland, in Über-
gangsriten wie etwa in Lebenskrisen.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen