Seite - 487 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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487Der
lange Weg |
Tochter – durch die enorme physische wie psychische Belastung zu zerreißen drohten.
So erzählen die Schwestern Hava Livni und Aviva Goldshtayn :
AG : «Ja. Und es gab sehr hässliche Dinge. Eine Mutter und ihre Tochter stritten unter sich
um ein Stück Brot. ‹Ich bin alt, ich brauche mehr.› ‹Ich mehr, das Leben ist noch vor mir, ich
brauche mehr.› Nein, das ist unmöglich zu vergessen, und ich weiß, wer das ist [lachen], und
ich vergesse es ihnen nicht. Das, eh, wissen Sie, wir waren verletzlich, da unsere Mutter nicht
mehr da war. Und wir dachten daran, dass wir uns mit ihr um ein Stück Essen gestritten hät-
ten, unmöglich. Wir zum Beispiel, das/»
HL : «Wir stritten auch nicht.»97
Fast jeder Häftling erinnert das «Raus, raus» und «Schnell, schnell» bei der Ankunft
im Konzentrationslager, das die oft tagelange, manchmal wochenlange monotone
Fahrt voller Entbehrungen und Ängste ins Ungewisse beendete. Ihr folgte der Terror
der Hetze, nun konnte es den Bewachern nicht schnell genug gehen. Der Weg hinauf
zum Lager war noch einmal eine Zuspitzung der Angst und Todesgefahr. Die politisch
verfolgte Niederländerin Adri Hoogstadt spricht von ihren Ängsten, dass ihre Mutter
diese Strapazen nicht überstehen würde :
«Und äh als als wir ausstiegen, aus den Waggons, bei Mauthausen, mussten wir noch einen
langen Weg zurücklegen [schluchzt]. Und äh diejenigen, die das nicht schafften, die zusam-
mengebrochen waren, oder was auch immer, die wurden gleich erschossen. Ist die Wahrheit,
ja, es ist die Wahrheit, ja, [schüchtern] ja. Ja, und äh das werde ich auch nie vergessen – – –.
Ich dachte, äh meine Mutter konnte auch nicht mehr so gut laufen, ich dachte, na ja, dass, dass
ich, dass ich sie, dass, dass wir sie da durchgeschleppt haben, das hat mich sehr überrascht –
–.
Denn junge Frauen, die es nicht schafften, die krank, krank waren, äh wurden ohne Pardon,
einfach so erschossen. Ich habe, ich habe oft genug gehört, dass/ geschossen wurde.»98
Die Fußmärsche von Lager zu Lager gehören zu den schrecklichsten Erinnerungen der
Überlebenden. Das Ausmaß des Grauens droht unter dem mittlerweile vielfach einge-
übten Wort Todesmarsch aber mehr und mehr zu verschwinden.
«Wer nicht gehen konnte, der wurde umgebracht. Keiner wurde begraben und so war auf dem
Weg alles mit Leichen übersät. Im Wesentlichen, wir gingen nicht auf Hauptstraßen, und auch
durch Städte nicht, sondern so, nicht/.»99
97 Vgl. z. B. AMM, MSDP, OH/ZP1/704, Interview Livni.
98 AMM, MSDP, OH/ZP1/215, Interview mit Adri Hoogstadt geb. Speksnijder, Interviewer : Frank Aarts,
Rotterdam, 23. 6. 2002.
99 AMM, MSDP, OH/ZP1/534, Interview Šarolić.
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen