Seite - 491 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
Bild der Seite - 491 -
Text der Seite - 491 -
Kobi Kabalek
Die Wege von Juden nach Mauthausen
Eine integrative Geschichte
Eine Grunderfahrung vieler von den Nationalsozialisten während des Zweiten Welt-
kriegs Verfolgter war jene der Verbringung von Ort zu Ort, von einem Lager zum
nächsten. Diese Erfahrung sinnfällig zu machen, ist das Anliegen dieses Beitrags. Wie
die Wege dieser Menschen dabei im Einzelnen verliefen, ergab sich zum einen aus
der spezifischen Form der nationalsozialistischen Herrschaft in ihrem jeweiligen Her-
kunfts- bzw. Durchgangsland und zum anderen aus der Entwicklung des Kriegsge-
schehens an den diversen Fronten. Welcher Weg vor einem Menschen lag, war aber
auch eine Frage seiner früheren Lebensumstände, des Grunds seiner Verhaftung bzw.
Deportation, der (begrenzten und doch mitunter verhängnisvollen) Wahl, die er traf,
sowie weiterer Faktoren, die sich seiner Kontrolle entzogen.
Entsprechend der Vielzahl an Faktoren, die die jeweiligen Wegverläufe definierten,
eröffnen sich auch der Geschichtsforschung ganz unterschiedliche Perspektiven. Nun
erkunden die meisten der in diesem Band vertretenen Beiträge die Wege von Gefan-
genen nach Mauthausen und in seine Außenlager ausgehend von deren Herkunftslän-
dern. DemgegenĂĽber richtet dieser Beitrag sein Augenmerk nicht auf das Land bzw.
die Region der Verhaftung und Deportation, sondern zeichnet die Wege nach, die die
Angehörigen einer bestimmten Gruppe, die nationale Kategorien überschreitet – die
Juden –, nach (und aus) Mauthausen führten und dabei das gesamte besetzte Europa
durchkreuzten.
Diese Herangehensweise erlaubt es, Überlebendenberichten – in diesem Fall von
jüdischen Häftlingen – Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entnehmen, die dem
regionalen und lokalen Blick vielleicht verborgen bleiben, und ermöglicht so eine ver-
gleichende Betrachtung der in den anderen Buchbeiträgen vorgestellten Erkenntnisse.
Gleichzeitig birgt dieser Ansatz zwei grundsätzliche Probleme – das der Definition
und das des erzählerischen Aufbaus. Bevor man sich anschickt, die Wege jüdischer
Gefangener nach Mauthausen nachzuverfolgen, gilt es zunächst zu definieren, was mit
«jüdisch» eigentlich gemeint ist.1 Denn auch, wenn es nicht um die Erörterung dessen
1 Bei Juden und anderen Identitätsgruppen handelt es sich nicht um «natürlich» vorkommende, klar be-
grenzte Objekte mit bestimmten Wesensmerkmalen. Gruppenidentität ist nicht ein stabiles, gleichför-
miges Etwas, sondern «ein kommunikativer Prozess, der viele Stimmen und verschiedene Grade von
Verständnis und – wesentlich – Missverständnis einschließt». Richard Handler : Is «Identity» a Useful
Cross- Cultural Concept ?, in : John R. Gillis (Hg.), Commemorations. The Politics of National Identity,
Princeton, NJ 1994, S. 27–40, hier 30. Zu einer aktuellen Kritik der Tendenz in der Wissenschaft, «Grup-
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
zurĂĽck zum
Buch Deportiert nach Mauthausen, Band 2"
Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen