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496 | Kobi Kabalek
«Jüdisch-Sein» geschuldet war,12 erfolgte die erstmalige Registrierung eines Lagerhäft-
lings als «Jude» im September 1939.13
Wer vor 1944 in Mauthausen als Jude registriert wurde, dessen Verhaftung und De-
portation gingen in der Regel auf Gestapo-Aktionen und andere Maßnahmen gegen
politische Gegner und die lokale Intelligenzija im besetzten Europa zurück – wie er-
wähnt war Mauthausen, anders als etwa Auschwitz-Birkenau, Sobibór und Treblinka,
die ab 1942 als Vernichtungslager fungierten, bei der Umsetzung der «Endlösung» der
sogenannten «Judenfrage» keine größere Rolle zugedacht. Dennoch kam es vor, dass –
wie etwa in den Jahren 1941/42
– ganze Gruppen von Juden in Mauthausen eintrafen.14
Damals kam es im Zuge von Razzien in jüdischen Wohnvierteln in den besetzten Nie-
derlanden zu Verhaftungen und Deportationen Hunderter Juden. Nach Darstellung
der deutschen Behörden handelte es sich dabei um Vergeltungsmaßnahmen für de-
ren Beteiligung an antideutschen Aktionen. Eine dieser Vergeltungsmaßnahmen, die
nach dem Februarstreik von 1941 stattfand, bildete die Deportation von 389 jüdischen
Männern zunächst in das KZ Buchenwald und anschließend nach Mauthausen, wo sie
alle ums Leben kamen. Laut Schilderungen von bei der Ankunft der Männer in Bu-
chenwald anwesenden nichtjüdischen Zeugen hatte in jener Frühphase keiner die «ge-
ringste Vorstellung davon, was ihm bevorstand»15. Ab diesem Zeitpunkt sollte jedoch
der Name «Mauthausen» den deutschen Besatzern in den Niederlanden als Drohung
dienen und ein Instrument ihrer antijüdischen Politik sein.16
12 Laut Benjamin Eckstein waren die ersten jüdischen Lagerinsassen Teil einer Gruppe von tschechischen
politischen Gefangenen, die im Juni 1939 im Lager eintraf. Benjamin Eckstein : Mauthauzn. Mahaneh
rikuz ve-khilayon [Mauthausen. Konzentrations- und Vernichtungslager], Jerusalem 1985, S. 219 [he-
bräisch]. An verschiedenen Stellen seiner akribischen Studie lässt Eckstein durchblicken, dass er deren
jüdische Identität aus ihren «jüdischen Namen» erschloss, obwohl die SS sie nicht als Juden registrierte
(siehe insb. Eckstein, Mauthauzn, S. 339). Offenbar war es für Eckstein als Zionisten wichtig, das Leiden
der Juden als das Leiden einer national definierten Gemeinschaft darzustellen und sich dabei von der
Definition der nationalsozialistischen Behörden unabhängig zu machen.
13 Maršálek, Geschichte, S. 193.
14 Laut Eckstein belief sich die Zahl der nach Mauthausen verbrachten Juden 1941 auf etwa 1600 und
1942 auf etwa 950. 1940 waren es weniger als 100 gewesen. Eckstein, Mauthauzn, S. 219–222. Siehe auch
Maršálek, Geschichte, S. 194 f.
15 A. van der Wey : In het voorgeborchte der hel. Vier jaar gevangene van de S.S., met beschouwingen over
de heersende geest in Duitschland [Im Vorhof der Hölle. Vier Jahre Gefangender der SS, mit Anschauun-
gen über den herrschenden Geist in Deutschland], Heemstede 1946, S. 48. Zit. nach Jacob Presser : The
Destruction of the Dutch Jews, New York 1969, S. 52.
16 Siehe dazu den Beitrag von Katja Happe in diesem Band. Vgl. auch Nannie Beekman-Braunstein : «Any-
thing but Mauthausen». The Fear of Mauthausen among Dutch Jews during the Nazi Occupation. Di-
mensions and Impact, MA Thesis, Univ. of Haifa 2017 ; Bob Moore : Victims and Survivors. The Nazi
Persecution of the Jews in the Netherlands 1940–1945, London/New York 1997, S. 71–72, 80–84 und
passim. Ein ähnliches Schicksal erwartete mehrere führende jüdische Funktionäre aus Deutschland ;
diese wurden nach Protesten gegen die Deportationen deutscher Juden 1941 nach Sachsenhausen und
Mauthausen gebracht und dort ermordet. Siehe Friedländer, Die Jahre der Vernichtung, S. 150.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen