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500 | Kobi Kabalek
Adler das Entsetzen, das die Familienmitglieder überkam, als sie nach längerer Un-
klarheit erfuhren, wo sie sich befanden. «Auschwitz» – das war doch der Ort, an den
nur gefährliche Widersacher des nationalsozialistischen Regimes gebracht wurden ! So
hatte es doch immer geheißen ! Würde man sie denn ebenso behandeln wie «gefährli-
che Widersacher» des Regimes ?28
Wie Adlers Memoiren zu entnehmen ist, sollten sich die Befürchtungen als begrün-
det herausstellen. Seine Eltern kamen in der Gaskammer um, er selbst wurde in mehre-
ren Fällen Zeuge der unsäglichen Brutalität der nationalsozialistischen Schergen. Und
so umreißt und benennt bereits der Titel von Adlers Memoiren seine Wahrnehmung
von Auschwitz als Hölle auf Erden : «Im Tal des Todesschattens», eine Phrase aus dem
Buch der Psalmen. Die wenigen Momente, in denen im Buch ein Gefühl von Hoffnung
oder Stärke aufkommt, sind Momente des religiösen Triumphs über die Grausamkei-
ten. Zum Beispiel, wenn es ihm gelang, im Lager unter schier unmöglichen Bedin-
gungen die jüdischen Feiertage einzuhalten.29 Schon vor seiner Deportation war Adler
ein religiöser Mensch gewesen – und wurde nach dem Krieg Rabbiner. Im Interview
mögen seine Urteile, verglichen mit Stil und Titel seiner schriftlichen Aufzeichnungen,
weniger harsch klingen,30 doch sie nehmen nichts zurück von der Darstellung des La-
gers als Schauplatz sinnloser Grausamkeit und ohnmächtigen Erduldens.
Ganz anders die Erfahrung, von der Jakob Maestro als ehemaliger Lagerinsasse im
Interview erzählt.31 Maestro (geboren 1927) wurde ungefähr ein Jahr vor der Familie
Adler nach Auschwitz deportiert. Nach einer achttägigen Zugfahrt vom Baron-Hirsch-
Ghetto im griechischen Thessaloniki, wo er geboren und aufgewachsen war,32 kam er
im März 1943 in dem Todeslager an. Seine ersten Eindrücke waren geprägt von der
Bestialität der SS und der anfänglichen Hilflosigkeit der Neuankömmlinge. Doch an-
ders als für Adler sollten sich für Maestro die ursprünglichen Befürchtungen nicht
bewahrheiten. Bereits nach wenigen Tagen wurde er, der die deutsche Sprache be-
herrschte, mit der Zuweisung der Häftlinge zu den einzelnen Arbeitstrupps betraut,
was nicht nur seinen Status in der Lagergesellschaft hob, sondern auch seine Lebens-
bedingungen erheblich erleichterte. Zudem erlaubten es ihm seine Beziehungen zum
SS-Personal und zu den Lagerfunktionären, mit denen er regelmäßig verkehrte und
interagierte, in vielen Fällen auch Mithäftlingen zu besseren Bedingungen zu verhelfen
und diesen sogar das Leben zu retten. Im Unterschied zu Adlers Darstellung von sich
28 Sinai Adler : Be-ge tsalmavet [Im Tal des Todesschattens], erweiterte Neuausgabe, Jerusalem 2003 [1979],
S. 30 [hebräisch].
29 Adler, Be-ge tsalmavet, S. 57 u. 64.
30 AMM, MSDP, OH/ZP1/703, Interview mit Sinai (Wolfgang) Adler, Interviewer : Kobi Kabalek, Mevase-
ret Zion, 29. 12. 2002.
31 AMM, MSDP, OH/ZP1/299, Interview mit Jakob Maestro, Interviewerin : Keren Harazi, Bat Jam, 17. 6.
2002.
32 Zur Ghettoisierung und Deportation der griechischen Juden siehe Hilberg, Die Vernichtung der europä-
ischen Juden, Bd. 2, S. 737–755, sowie den Beitrag von Katrin Auer in diesem Band.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen