Seite - 507 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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507Die
Wege von Juden nach Mauthausen |
verfolgung herauszuarbeiten – die Erfahrung des Wechsels von Ort zu Ort, von Lager
zu Lager. Die angeführten Zitate spiegeln die Hoffnungen, die Ängste und die Erfah-
rungen dieser Menschen wider, nachdem man sie von zu Hause vertrieben und an
unbekannte Orte gebracht hatte. Sie zeigen, wie diese Erfahrungen bewahrt und wei-
tergegeben werden. Ihre Wege selbst und das wiederholte Erleben des Ortswechsels
spielten in der Formierung von Erwartungen und schlieĂźlich auch der Lagererfahrung
eine entscheidende Rolle. Oft völlig im Unklaren gelassen, wohin man sie bringen
wĂĽrde, war der Wegverlauf (in Kombination mit anderen bruchstĂĽckhaften Informati-
onen oder frĂĽher Durchlebtem) fĂĽr Deportierte oft ein Anhaltspunkt dafĂĽr, was ihnen
bevorstehen könnte.55
Tatsächlich stellte sich das Verhältnis zwischen der antizipierten und der erlebten
Lagerrealität – vom ersten Eindruck bis zu den Erfahrungen während der Tage, Mo-
nate und Jahre des Aufenthalts – für jeden Gefangenen anders dar. So spricht Sinai
Adler von einer direkten Korrelation zwischen dem Entsetzen seiner Eltern, als sie
erkannten, dass sie in «Auschwitz», über das sie schreckliche Dinge gehört hatten, ge-
landet waren, und der grausamen Realität, die folgte. Bei Jakob Maestro wiederum
wich der erste Eindruck von der ungeheuerlichen Brutalität des Lagerlebens bald einer
differenzierten Wahrnehmung der Beziehungen zwischen Häftlingen, Funktionären
und SS-Personal. Adler und Maestro ist gemeinsam, dass sie den Wegen zwischen den
Lagern, der Bewegung sowie dem Verhältnis zwischen Erwartung und Erfahrung eine
bedeutende Rolle zuschreiben, wenn sie über ihr Überleben erzählen.
Das Unterwegssein hielt auch Momente der Erinnerung oder des Innehaltens be-
reit – etwa, wenn die Häftlinge auf Dinge trafen, die sie an ihr früheres Leben – oder
an eine andere Wirklichkeit – erinnerten. So wie Zipora Nir, die nach schrecklichen
Wochen in Birkenau die Abfahrt in das KZ-AuĂźenlager Freiberg mit der grotesken
Episode der Zuteilung bunter Kleider in Verbindung bringt. SchlieĂźlich boten die
Wege auch Signale der Hoffnung. Ein solches erkannte etwa Israel Weiss, als er, unter-
wegs auf einem Donaukahn Richtung Mauthausen, auf der Durchfahrt durch Wien
ein jüdisches Mädchen sah – und damit die Möglichkeit eines Lebens nach der Ver-
folgung.
55 Auch Alexandra Garbarini hebt die Bedeutung von Erwartungen, Hoffnungen und BefĂĽrchtungen in den
während des Holocaust verfassten Tagebüchern hervor. Alexandra Garbarini : Numbered Days. Diaries
and the Holocaust, New Haven 2006.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen