Seite - 519 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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519Die
Warschauer Deportierten von 1944 |
«Ich wurde patriotisch erzogen, das war damals üblich, weil Polen nach über hundert Jahren
erst begonnen hat, sich zu organisieren. Ich erinnere mich an den Tod Piłsudskis, ich war
vier Jahre alt, aber ich erinnere mich, als ob es heute wäre, wie ich mit meinem Vater zu den
Feiern gefahren bin, wie die Sirenen heulten und alle Habt-Acht standen. Die patriotische
Gesinnung war sehr stark.»17
Im Grundschulalter nahm er während der deutschen Besatzungszeit am illegalen Un-
terricht teil. Er erzählt nur :
«Im Haus nebenan, auch in der Ludwika-Straße, wohnte Professor Kwapisiewicz, der gegen
geringes Entgelt bei sich zu Hause Unterricht anbot. Wir waren eine Gruppe von sechs Kin-
dern, wir kamen zu ihm einer nach dem andern, angeblich um mit seinen beiden Töchtern zu
spielen. So war es sicherer. Wie ich später erfahren habe, war mein Vater im Untergrund, er
machte Bulletins, und immer, wenn Straßenrazzien waren, rief er, wir sollen fliehen und uns
in den Toreinfahrten verstecken. Die Straßenrazzien waren so bedrohlich, dass sich in meiner
Psyche eingeprägt hatte, man muss auf die Deutschen Acht geben, sonst kann es passieren,
dass man nicht wiederkommt, wenn man auf die Straße geht.»18
Er hatte Freunde aus derselben Straße, sie warfen Steine in die Fenster des Lazaretts
für verwundete deutsche Soldaten von der Ostfront. Das Lazarett befand sich in ihrer
ehemaligen Schule. Sie gingen zu öffentlichen Exekutionen, lernten, wie man in dem
täglichen Besatzungsterror zurechtkommt. Und dann erzählt er, dass der Aufstand
ausbrach.
Aufständische aus Arbeiterfamilien
Anders gestalteten sich die Ansichten jener, die in einer Arbeiterfamilie heranwuch-
sen, in Armut, in der Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit. Sie schildern keine patri-
otischen Feierlichkeiten, sondern beschreiben die Lebensbedingungen ihrer Familien.
Der Vater ist hier das Familienoberhaupt, das sich mit besserem oder schlechterem
Erfolg darum bemüht, die Familie zu erhalten. Die patriotische Erziehung, die Weiter-
gabe allgemeingültiger Werte stehen hier im Hintergrund oder sind kein Thema. Die
Beziehung zum Vater ist wesentlich schwächer, die Kinder werden früh selbständig.
Anders als bei den Zeitzeugen aus gut situierten Familien gibt es eine größere Vielfalt
an Wertvorstellungen in dieser Gruppe und – was sehr interessant ist – eine viel an-
schaulichere Beschreibung der Welt, in der sie lebten.
17 AMM, MSDP, OH/ZP1/594, Interview mit Jan Wojciech Topolewski, Interviewerin : Katarzyna Madoń-
Mitzner, Warschau, 20. 6./1. 7. 2002.
18 Ebd.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen