Seite - 520 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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520 | Katarzyna Madoń-Mitzner
Janusz Bąkowski, geboren 1922 und 2005 verstorben, nach dem Krieg Künstler,
Fotograf und Performer, beschreibt die Welt seiner Kindheit im Arbeiterbezirk Wola,
eine Gemeinschaft von Bedürftigen, als zwar wohlvertraut, jedoch manchmal beängs-
tigend :
«Wir wohnten in der Sołtyka-Straße in einem sehr großen Zinshaus, wo lauter arme Leute
wohnten. Das war im dritten Stock, Türnummer
26. In so einem Haus wurde ich geboren, zwei
Treppenhäuser, eine Menge Mieter, der Abort auf dem Hof. Meine Hausaufgaben machte ich
im Schein einer Petroleumlampe, als ich ein kleiner Junge war und in die Grundschule ging,
wurden erst die Elektroleitungen gelegt. […]»
«Und was für eine schreckliche Angst jeden Abend. Die Hausbesitzerin sparte am Petroleum
und die an den Treppen brennenden Lämpchen gaben fast kein Licht. Und wenn man als
Kind die Treppe hochgeht, das war ein Zinshaus mit vier Stockwerken und die langen Korri-
dore, die offenen Türen, so schwarze Löcher
– da ist nichts, aber gleich springen irgendwelche
Ungeheuer von dort hervor. Und die Angst. […]»
«Mein Vater war ein sehr lieber und kluger Mensch, obwohl er wenig gebildet war. Er hatte
nie mit irgendjemandem Streit, immer gab er gute Ratschläge und wusste immer eine Lösung
zu finden. Ich finde, es ist ein Glück, einen solchen Vater zu haben, der nicht trinkt, nicht
raucht und, na ja, nicht flucht … […]»
«Mein Vater war immer beschäftigt, er hatte immer etwas zu tun, musste Geld verdienen,
musste schauen, dass wir genug zum Leben hatten, und jetzt weiß ich eigentlich erst, dass
dort damals meine Einsamkeit begonnen hat … […]»
«Im Grunde genommen waren wir bitterarm, noch schlimmer konnte es nicht werden. Weil
ich habe ja als Praktikant zehn Złoty pro Woche verdient, das waren 40 Złoty in Monat, das
ging sich gerade aus, das reichte fürs Brot. Das war für die ganze Familie fürs Brot, nicht
wahr ?»19
Aus zwei sehr interessanten Perspektiven skizziert Zdzisław Stawicki (geb. 1927) das
Warschau seiner Kindheit. In der Darstellung seines Schicksals beschreibt er mit fol-
genden Worten, wie seine Familie vor dem Krieg lebte :
«Mein Vater war Letterngießer. Er arbeitete bis Anfang der 1930er Jahre, dann kam die Krise
und er wurde arbeitslos. Da lebten wir in großer Armut. Das dauerte bis 1935, als er eine
19 AMM, MSDP, OH/ZP1/784, Interview mit Janusz Bąkowski, Interviewer : Piotr Filipkowski, Warschau,
29. 3. 2003.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen