Seite - 543 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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543Evakuierungslager
Mauthausen |
AuĂźenlager des KZ Vaivara in weiter westlich gelegene Lager transportiert wurden.
Aber bereits 1943, als der RĂĽckzug der deutschen Wehrmacht an der Ostfront begann,
waren Gefängnisse, Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeitslager geräumt und die Häft-
linge bzw. Kriegsgefangenen zusammen mit den deutschen Besatzungstruppen und
-verwaltungen, kollaborierenden Truppen und großen Teilen der Zivilbevölkerung
nach Westen in frontferne Gebiete evakuiert worden.5 Dabei zeichnet sich bereits ein
Muster ab, das bei der Evakuierung von Konzentrations- und anderen Lagern bis zum
Kriegsende immer wieder beobachtet werden kann : In vielen Fällen wurden die kran-
ken, schwachen, nicht mehr gehfähigen Häftlinge ermordet – zu den größten Massa-
kern kam es dabei in den baltischen Lagern, wo zum Teil alle Lagerinsassen ermor-
det wurden –, während die transportfähigen Häftlinge in noch nicht von der Front
bedrohte Gebiete gebracht wurden. Da solche Evakuierungen häufig erst angeordnet
wurden, wenn Gebiete in unmittelbare Frontnähe geraten waren, verlief die Durch-
fĂĽhrung der jeweiligen Transporte oft in äuĂźerst chaotischen VerhältnissenÂ
– zum Teil
erschwert durch extreme Witterungsbedingungen, etwa im Winter 1944/45 –, denen
viele Häftlinge zum Opfer fielen.
Begrifflichkeiten : Todesmärsche und/oder Evakuierungen
Evakuierungen erfolgten auf verschiedenste Weise : mit der Bahn, mit Schiffen, mit
Lastwagen und zu Fuß ; oft mussten die Häftlinge einen Teil des Weges marschieren
und wurden dann mit Transportmitteln weiterbefördert ; der Bahntransport konnte
in offenen oder geschlossenen Waggons erfolgen. Besonders die strapaziösen, oft Tage
oder gar Wochen dauernden und viele Opfer fordernden Fußmärsche wurden von
den von Unterernährung, Krankheiten und den Folgen der schweren Zwangsarbeit
gezeichneten Häftlingen als Todesmärsche bezeichnet. Von den im MSDP interview-
ten Mauthausen-Überlebenden gaben 29 Prozent an, solche Todesmärsche erlebt zu
haben. Eine Auswertung der SS-Akten ergab jedoch, dass fast 60Â
Prozent in einem oder
mehreren Evakuierungstransporten gewesen waren. Offenbar gaben die Ăśberlebenden
wesentlich seltener an, einen Todesmarsch erlebt zu haben, wenn die Evakuierung mit
Bahntransporten, anderen Fahrzeugen oder Schiffen durchgefĂĽhrt wurde.
Die Diskrepanz in den Angaben der Ăśberlebenden weist auch auf einen problema-
tischen Aspekt des Begriffs «Todesmarsch» hin.6 Nach 1945 haben Überlebende diese
5 Zur Praxis der Evakuierung in den besetzten Gebieten der Sowjetunion vgl. Dieter Pohl : Die Herrschaft
der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941–
1944, München 2011 [2008], S. 322–331.
6 Zu den unterschiedlichen Definitionen von «Todesmarsch» vgl. Yehuda Bauer : The Death-Marches, Ja-
nuary–May, 1945, in : Modern Judaism 3.1 (1983), S. 1–21, hier 1 f.; Daniel Jonah Goldhagen : Hitler’s
Willing Executioners. Ordinary Germans and the Holocaust, New York 41996, S. 328 ; Israel Gutman etÂ
al.
(Hg.) : Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Bd. 3, Ber-
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen