Seite - 545 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
Bild der Seite - 545 -
Text der Seite - 545 -
545Evakuierungslager
Mauthausen |
anderen Mitteln gehandelt habe.10 Die von dem amerikanischen Politikwissenschafter
Daniel Goldhagens 1996 formulierte These eines «elmininatorischen Antisemitismus»
führte ihn zu der weitergehenden Folgerung, dass auf den «Todesmärschen» gezielt
jĂĽdische Opfer ermordet wurden.11 Der israelische Historiker Daniel Blatman fordert
dagegen, die Evakuierungstransporte als «eigenständiges Kapitel mit besonderen Cha-
rakteristika in der Geschichte des nationalsozialistischen Völkermords und nicht bloß
als eine Mordtechnik» zu sehen.12 Jüngere Forschungen über den Zusammenbruch
des «Dritten Reichs» sprechen eher von den «Verbrechen der Endphase» – zu denen
auch die «Todesmarschverbrechen» gezählt werden.13 Auch der britische Historiker
Ian Kershaw kommt zu dem Schluss, dass der Terror «heim ins Reich» kam und an-
gesichts der drohenden Niederlage gerade Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-
Häftlinge als «Feinde» des Regimes einem grenzenlosen Terror ausgesetzt waren.14
Der deutsche Historiker Martin Broszat hatte bereits in den 1960er Jahren geschätzt,
dass im Zuge der Evakuierung der Konzentrationslager etwa 250.000 Menschen ums
Leben kamen, das heiĂźt, dass etwa ein Viertel aller KZ-Opfer von 1933 bis 1945 erst im
letzten Jahr starb.15 Blatman geht davon aus, dass auf den Evakuierungstransporten
etwa 30 bis 50 Prozent der Häftlinge starben, wobei allerdings – wie bereits erwähnt –
hohe Unterschiede auftreten konnten.16
Die deutsche Historikerin Karin Orth hat drei Phasen der Auflösung des KZ-Systems
unterschieden : Von FrĂĽhjahr bis Herbst 1944 wurden vor allem die Lager im Baltikum,
das KZ Majdanek und die Lager im Westen geräumt. In die zweite Phase von Jänner
bis Februar 1945 fällt die Evakuierung der Lager Auschwitz, Groß-Rosen und Stutthof.
Die dritte Phase im April und Anfang Mai 1945 betrifft schließlich die Räumung der
Konzentrationslager im Inneren des Reiches.17 Die Auflösung der Konzentrationsla-
ger und die Evakuierung der Häftlinge standen in engstem Zusammenhang mit dem
Kriegsgeschehen – ein Zusammenhang, der in vielen Arbeiten zu den Todesmärschen
häufig zu wenig beachtet wird. Die militärischen Entwicklungen führten nicht nur zur
Auflösung des KZ-Systems 1944/45 ; bereits in den Jahren 1942/43 wurden beim Rück-
zug der Wehrmacht Lager- und Gefängnisinsassen in andere Konzentrationslager eva-
kuiert. Ich möchte das Orth’sche Phasenmodell daher um eine «Vorphase» ergänzen,
10 Bauer, The Death-Marches, S. 7 f.
11 Goldhagen, Hitler’s Willing Executioners, S. 357.
12 Blatman, Die Todesmärsche 1944/1945, S. 25.
13 Vgl. Cord Arendes (Hg.) : Terror nach innen. Verbrechen am Ende des Zweiten Weltkrieges, Göttingen
2006 (Dachauer Symposien zur Zeitgeschichte, 6).
14 Ian Kershaw : The End. Hitler’s Germany, 1944–45, London 2011, S. 225.
15 Broszat, Nationalsozialistische Konzentrationslager 1933–1945, S. 132.
16 Blatman, Die Todesmärsche 1944/45, S. 29.
17 Karin Orth : Das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Eine politische Organisations-
geschichte, Hamburg 1999, S. 270–336.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
zurĂĽck zum
Buch Deportiert nach Mauthausen, Band 2"
Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen