Seite - 548 - in Deportiert nach Mauthausen, Band 2
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548 | Alexander Prenninger
sind bisher kaum erforscht. Hier kann jedoch ein Beispiel für einen solchen Evakuie-
rungstransport gegeben werden, der das KZ Mauthausen erreichte.
Am 5. Oktober 1943 trafen in Mauthausen über tausend Männer und 187 Frauen
mit einem Transport aus Dnepropetrowsk ein. Es handelte sich um Häftlinge aus dem
Konzentrationslager Igren. Der Transport, der Dnepropetrowsk Ende September ver-
ließ, erfolgte zu einem Zeitpunkt, als die Rote Armee kurz vor der Stadt stand. Der
sowjetische Vorstoß in das Donezbecken (Donbass) hatte Mitte August begonnen
und am 16. September begann die Wehrmacht den Rückzug über den Dnepr, bei dem
auch über 550.000 Zivilpersonen evakuiert wurden.26 Mehrere Frauen, die mit diesem
Transport verschleppt wurden, betonten, dass «die Unsrigen schon herangerückt sind»
(Ljudmila Stanewa).27 Nadeschda Tereschtschenko, die sich nach Kriegsbeginn einer
Partisaneneinheit angeschlossen hatte, Ende 1943 verhaftet wurde und in Igren inhaf-
tiert war, erzählt :
«Wenn unsere Truppen nicht vor der Tür gestanden wären, dann hätten sie uns erschossen,
hätten uns alle erschossen. Aber da die Truppen vor der Tür gestanden sind, wurden wir in
ein Konzentrationslager überstellt und aus dem Konzentrationslager schon, von hier, vom
Dnepr, wurden wir noch hinter das Umspannwerk gebracht, dort waren Baracken. Dort in
diesen Baracken, dort waren Kriegsgefangene. Die Kriegsgefangenen haben sie woandershin
geschafft und wir sind dort noch eine Woche gewesen. Wir sind in Waggons verladen und bis
nach Österreich gefahren worden.»28
Bei der Räumung des Lagers wurden die Häftlinge in Fünferreihen zu einem Bahnhof
getrieben. Nach den Berichten mehrerer Überlebender kamen viele Angehörige und
versuchten die ihren aus dem Transport zu retten. Nadeschda Tereschtschenko erzählt,
dass ihre Mutter und Schwester zum Lager kamen :
«Sie wollten mich aus dieser Truppe herausziehen, ich wollte weglaufen. Sie zeigen mir dort
schon : Sie haben andere Kleider bei sich. Und einer von diesen SSlern, wie man sie genannt
hat, in schwarzer Uniform, hat das bemerkt und mir einen Schlag mit dem Stock versetzt und
mich dorthinein gestoßen, in die Fünferreihe, bis ans Ende. […] Er hat mir mit dem Stock auf
die Schultern geschlagen und mich in die Fünferreihe gestoßen, ans andere Ende, damit ich
nicht am Rand gehe, sondern am anderen Ende. Und diese meine Verwandten und Bekann-
nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur, Göttingen 1998, S. 1113–1127,
hier 1114.
26 Karl-Heinz Frieser : Die Rückzugsoperationen der Heeresgruppe Süd in der Ukraine, in : ders. (Hg.), Das
Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 8, S. 339–450, hier 362 f.
27 AMM, MSDP, OH/ZP1/491, Interview mit Ljudmila Dimitrijewna Stanewa, Interviewerin : Alena
Koslowa, Saporoschje, 25. 9. 2002, Übersetzung, Z. 227–231.
28 AMM, MSDP, OH/ZP1/031, Interview mit Nadeschda Michajlowna Tereschtschenko, Interviewer : Kirill
Wasilenko, Dnepropetrowsk, 7. 5. 2002, Übersetzung, Z. 341–348.
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen