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564 | Alexander Prenninger
Krakau begann die Eroberung Ober- und Niederschlesiens, deren Industriereviere für
beide Seiten von zentraler strategischer Bedeutung waren.72
Die militärischen Planungen seit Herbst 1944 und der Kriegsverlauf im Jänner und
Februar 1945 waren der historische Rahmen, in dem auch die Evakuierung der Konzen-
trationslager Stutthof, Auschwitz und Groß-Rosen stattfand. Nach den ersten Planun-
gen für die Evakuierung des Lagerkomplexes Auschwitz vom September/Oktober 1944
erließ der Gauleiter von Oberschlesien am 21. Dezember ausführliche Richtlinien für
die Evakuierung der Zivilbevölkerung, der Zwangsarbeiter, Kriegsgefangenen, Justiz-
und KZ-Häftlinge. Vorrang bei der Evakuierung hatte die deutsche Bevölkerung.73 Das
zeigt sich auch bei der Bereitstellung von Lebensmitteln und Unterkünften. Während
deutsche Trecks auf dem Marsch auf Rastplätzen in Gebäuden untergebracht werden
sollten, galt dies für Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge nur, wenn noch
Raum zur Verfügung stand.74 Im Evakuierungsbefehl für das KZ Stutthof wurde an-
geordnet, dass kranke und marschunfähige Häftlinge im Lager zurückzulassen seien
und auf dem Marsch «Fluchtversuche und Meutereien […] rücksichtlos mit der Waffe
zu brechen» seien.75 Ähnliche Befehle gab es wahrscheinlich auch in Auschwitz und
Groß-Rosen. Die massive Gewalt und die hohen Todesraten, die die Evakuierungsmär-
sche im Jänner und Februar 1945 prägten, sind auch aus den historischen Kontexten,
unter denen die Evakuierung erfolgte, zu erklären. Zum Ersten war es der Vormarsch
der Roten Armee, der unter der Zivilbevölkerung in den bedrohten Gebieten Panik
und ungeplante Fluchtbewegungen auslöste. Zum Zweiten trugen auch der totale Zu-
sammenbruch der zahlreichen für die Evakuierung zuständigen Verwaltungen und die
unlösbaren logistischen Probleme dazu bei, dass die Evakuierung der KZ-Häftlinge
inmitten der Flucht von Millionen Menschen katastrophale Zustände annahm. Zum
Dritten sahen sich die nationalsozialistischen Führungsstellen und ihre untergeordne-
ten Vertreter in den Lagern widersprüchlichen Imperativen gegenüber : einerseits Be-
fehle von oben, bis zum letztmöglichen Moment auszuharren, andererseits die Angst
der Bewacher in den Lagern, der Roten Armee in die Hände zu fallen, und das Be-
streben, so schnell wie möglich nach Westen zu gelangen. Hinzu kommen noch die
72 Vgl. Richard Lakowski : Der Zusammenbruch der deutschen Verteidigung zwischen Ostsee und Karpa-
ten, in : Rolf-Dieter Müller (Hg.), Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Bd. 10.1 : Der Zusam-
menbruch des Deutschen Reiches 1945. Die militärische Niederwerfung der Wehrmacht, München 2008,
S. 491–680, hier 504 sowie Karte S. 584.
73 Vgl. dagegen die Planungen für die Evakuierung der «Volksdeutschen» aus der Slowakei, in denen die
Wehrmachtstransporte in der Dringlichkeit ganz oben und Transporte von (deutschen) Flüchtlingen
ganz hinten rangierten. Martin Zückert et
al.: Die Evakuierung der Deutschen aus der Slowakei 1944/45.
Verlauf, Kontexte, Folgen, Göttingen 2019 (Veröffentlichungen des Collegium Carolinum, 139), S. 6.
74 Richtlinien des Reichsverteidigungskommissars für den Reichsverteidigungsbezirk Oberschlesien betr.
Räumung, Kattowitz, 21. 12. 1944, zit. nach Strzelecki, Endphase, S. 315–319, hier 315 (dort in Faksimile
abgedruckt).
75 Strzelecki, Endphase, S. 41.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
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Deportiert nach Mauthausen
Band 2
- Titel
- Deportiert nach Mauthausen
- Band
- 2
- Autoren
- Gerhard Botz
- Alexander Prenninger
- Regina Fritz
- Herausgeber
- Melanie Dejnega
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21216-4
- Abmessungen
- 16.8 x 23.7 cm
- Seiten
- 716
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen